Rotkäppchen muss weinen

Malvina radelt mit gefülltem Korb zum Haus ihres kranken Großvaters. Oder zum vielleicht kranken Großvater – Malvina traut ihm nicht. „Wie Rotkäppchen“ sagt Klatsche zu ihr. Im letzten Jahr hat sie noch mit Klatsche gekämpft, jetzt versucht er beharrlich, Malvina kennen zu lernen und sie aus der Reserve zu locken. Ja, wie Rotkäppchen, aber der böse Wolf ist nicht ein Wolf im Wald oder Klatsche an der Straßenecke, sondern der Großvater. Nach längerer Zeit ist Malvina wieder einmal mit ihm allein und sein Kuss auf ihren Mund schlägt in ihr ein Buch mit Erinnerungen auf, von dem sie gar nicht mehr wusste, dass es vorhanden ist. „Opa hat mich geküsst“, sagt sie zu Bruder, Vater, Mutter. Keiner glaubt ihr, zumindest scheint das so, denn sie alle haben eigene Verstrickungen mit dem Großvater, sind froh, ihm nicht begegnen zu müssen.. Doch da gibt es zum Glück Opas aufmerksame Nachbarin, es gibt Malvinas Freundin Lizzy, und es gibt Klatsche, der sich Malvinas Zickigkeit nicht so schnell geschlagen gibt. Allerdings ist das Vertrauen in ihre Familie nachhaltig gestört. Als Leserin bleibt man für diesen Teil der Erzählung mit einem unguten Gefühl zurück, aber Malvina hat gelernt zu schreien.

Ein eindrückliches, spannendes Buch, das sexuellen Missbrauch nicht „thematisiert“, sondern dessen Protagonisten – Malvina und Klatsche – glaubwürdige, wahrhaftige Jugendliche in einer schwierigen Situation sind, mit denen die LeserInnen um eine Rettung bangen.

Beate Teresa Hanika
Rotkäppchen muss weinen
Fischer 2010 222 Seiten € 6,95
ab 8. bis 9. Klasse