Nichts was im Leben wichtig ist

Kinder, freut euch über den heutigen Tag! Ohne Schule gäbe es auch keine Ferien“ witzelt der Lehrer am ersten Schultag nach den Ferien. „Nichts bedeutet irgendetwas. Das weiß ich schon lange. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun. Das habe ich gerade herausgefunden,“ sagt Pierre-Anthon, packt seine Sachen zusammen und verlässt den Klassenraum. Fortan sitzt er im Pflaumenbaum vor seinem Haus und bombardiert seine MitschülerInnen auf dem Heimweg mit unreifen Pflaumen und nihilistischen Sprüchen: „Selbst wenn ihr etwas lernt, damit ihr glaubt, ihr könntet etwas, ist immer jemand da, der das besser kann“...Das nervt, denn sie alle, dessen ist sich die Ich-Erzählerin Agnes sicher, sind in der Schule, um etwas zu werden, um jemand zu werden! Oder? Was wäre, wenn Pierre-Anthon recht hätte? Er ist klug, er ist stark! Was, wenn es sich wirklich gar nicht erst lohnte, etwas anzufangen? 13/14/erwachsen/tot! Nein, keine, keiner will Pierre-Anthon folgen, im Gegenteil: sie werden ihm beweisen, dass es Bedeutung gibt.

Und so beginnen sie in einer alten Fabrikhalle zu sammeln. Nach eher lauem Anfang ist es Agnes, die den Stein so richtig ins Rollen bringt: alle müssen etwas ganz Persönliches opfern, um sicher zu stellen, dass es wirklich Bedeutung hat. Prompt muss sie ihre heiß erbettelten neuen Sandalen rausrücken. Im Fortgang legt jede und jeder haarscharf den Finger in die Schwachstellen und Verletzlichkeiten der anderen, und die Forderungen laufen mit dem Anwachsen des Berges aus Bedeutungen immer mehr aus dem Ruder. Und das Schlimmste: Für Pierre-Anthon hat der Berg trotz Schweiß, Tränen und Blut, die er gekostet hat, keinerlei Bedeutung. Er bezahlt dafür mit seinem Leben...

Janne Tellers Buch berührt psychologische und philosophische Lebensfragen sowohl auf individueller als auch auf der Gruppen-Ebene, die hier interessanterweise von Jugendlichen autonom verhandelt werden. „Nichts“ ist kein Roman im Sinne ausgefeilter Figurengestaltung und ausformuliertem Handlungsgefüge, sondern bleibt bis zum Schluss ein parabelhafter Text, der eine Möglichkeit der Eskalation auslotet, wenn Angst, Wut, Enttäuschung, tiefe Verletzung und Hilflosigkeit im Spiel sind.

Janne Teller
Nichts was im Leben wichtig ist
Übersetzung
Sigrid C. Engeler
dtv 2012 140 Seiten € 6,95
ab 9. Klasse