Empfehlungsliste 35

Schwierige Bilderbücher?

Mag die Welt der meisten Kinder, die hier aufwachsen, auch geschützt und behütet sein, so gehen doch prekäre gesellschaftliche Zustände nicht an ihnen vorüber. Im Gegenteil, sie leben mittendrin: im Kindergarten, in der Schule, in der Nachbarschaft und medial vermittelt. Kinder können von Armut betroffen sein, von Gewalt, von Krieg und von Flucht aus der Heimat. Sie haben überforderte Eltern, kranke Eltern oder sie können erst gar nicht bei ihren Eltern leben. Kinder wachsen mit Vorurteilen auf und werden gemobbt. Sie müssen erleben, wie jemand in der Familie stirbt. Und natürlich machen sie einfach die Erfahrungen, die für jeden und jede am Weg zum Groß-werden liegen, und die auch kompliziert sein können. Die Bücher, die wir mit dieser Liste empfehlen, finden Wörter und Bilder, um mit Kindern im Kindergartenalter und in der Grundschule über solche Themen ins Gespräch zu kommen.

Wir laden zum Stöbern ein!

Akim rennt

Nur der Name des Flusses, an dem zu Beginn Akim mit seinen Freunden friedlich spielt, verortet dieses Buch. Die Kuma fließt im Nordkaukasus, nicht weit von Tschtschenien, aber: auch andere Flüsse in anderen Ländern heißen Kuma, so dass letztlich offen bleibt, wo genau Akims Dorf liegt, wo genau die Bomben fallen, die das Dorf plötzlich treffen. In großem Schrecken fliehen die Dorfbewohner und weil Akim in der Hektik seine Eltern und seine Verwandten nicht findet, ist er auf einmal ganz allein. Irgendwie wird er von der Menge mitgerissen, an zerstörten Häusern vorbei gezerrt, er sieht tote und verwundete Menschen. Akim muss rennen um Schritt zu halten und doch verliert er die Hand, die ihn festgehalten hatte. Er findet neue fremde Erwachsene, die ihm helfen, verliert sie wieder, muss vor Soldaten fliehen und landet endlich in einem Flüchtlingslager - fürs erste in Sicherheit.

Zurückhaltend und sachlich im Text und mit zarten, flüchtigen, aber emotionalen Kohle-Zeichnungen, die nur ganz leicht koloriert sind, erzählt die Autorin Akims Fluchtgeschichte. Dabei folgen immer mehrere textlose Tableaus einer nicht bebilderten Textpassage. Diese Erzählweise gliedert das Geschehen und schafft durch das Lesen die nötigen Atempausen für das Betrachten der Bilder. Auch das kleinere Format des Buches bewirkt, dass die Bilder niemals erschlagend wirken, obwohl sie Einsamkeit, Entsetzen, Angst und Trauer zeigen. Die Autorin macht ein glückliches Ende möglich: Im Lager wird Akims Mutter wieder gefunden.

Claude K. Dubois
Akim rennt
Übersetzung: Tobias Scheffel
Moritz Verlag 2013, € 12,95
ab 6 Jahren / für die Grundschule

Ein roter Schuh

Der Schauplatz dieses Buches ist ein Krieg. Er bleibt namenlos, aber aufgrund der routinierten Einsätze von Journalisten und der Erwähnung eines Anschlags kommt der Leserin z. B. Gaza in den Sinn. Einer der Kriegsreporter steht im Mittelpunkt. Sein Kollege beordert ihn an den Ort eines Bombenanschlags auf einen Schulbus. Dieses Mal geht ihm sein Dokumentations-Auftrag an die Nieren, denn der Junge, den er mit seiner Kamera begleitet, trägt an dem Fuß,  der ihm geblieben ist, genau die Turnschuhe, die er seinem Neffen kürzlich geschenkt hatte. Nein, das verletzte Kind ist nicht sein Neffe – aber in einer plötzlichen Fantasie steht der Junge auf, er hat zwei Füße und er hat zwei rote Turnschuhe an, er dribbelt lässig einen Basketball und verlässt das Krankenzimmer. Nur an dieser Stelle haben Kreijtsch’s Seiten füllende Bilder Farbe! So ein Kind gehört nicht auf eine Trage, nicht an Infusionsschläuche, sondern auf den Sportplatz.

Darum erzählt dieses Buch vom Recht auf Unversehrtheit, auf Schutz, auf Spiel. Es erzählt auch, dass Krieg grauer Alltag sein kann und von der Hilflosigkeit, mit der Erwachsene darin agieren.

Karin Gruß
Tobias Krejtschi (Illustration)
Ein roter Schuh
Boje 2013, € 12.99
für die Grundschule

Das rote Trikot - eine afrikanische Reise

Auf den Märkten der Elfenbeinküste kann man gebrauchte Kleidungsstücke aus aller Welt kaufen. Die Menschen dort haben einen besonderen Begriff für diese Secondhand-Kleider: „Ado-Ka-Fre“. In ihrer Sprache – dem westafrikanischen Dialekt Dioula – bedeutet das „Tragen und Weiterverkaufen“.

Dieses Zitat bildet den Einstieg ins Buch und mehr Wörter werden nicht verloren: „nur“ in Bildern verfolgen wir ein Fußballtrikot mit der Nr. 8 auf seinem Weg um die halbe Welt. Die Reise wird von einem Ingenieur in Gang gesetzt, der den Hebel einer Produktionsmaschine umlegt. Das Trikot wird gekauft, gebraucht, weggeworfen, gebraucht, gekauft, weggeworfen und endet als Bekleidung eines Holzfußballers, den eben jene westliche Familie als Souvenir von einer Afrikareise mitbringt, die das Trikot einst zuhause im Sportgeschäft erstanden hatte.

In diesem Buch wird leicht, aber nicht ohne kritischen Unterton ein Aspekt von Globalisierung gezeichnet. Die klare farbstarke, computergenerierte Illustration kontrastiert mit einem großen, ganzseitigen Schwarz-Weiß-Foto im Vorsatz: ein schwarzes Kind sieht ein Weißes im Fernseher. Globalisierung – eine Einbahnstraße?

Sylvain Victor
Das rote Trikot - eine afrikanische Reise
Übersetzung: Catherine Cornet
Aladin 2013, € 12,90
ab 5 Jahren

Jakob und das rote Buch

Jakobs Familie ist nicht wie andere Familien. Er hat eine leibliche Mutter, Kriseneltern, Pflegeeltern, einen Sozialarbeiter und „so ne komische“ Oma, bei der seine Schwester lebt.

Jakob erkundet das alles, nachdem seine leibliche Mutter wieder nicht zum Besuchstermin gekommen ist. Mit Hilfe seiner Pflegeeltern und des Sozialarbeiters füllt sich ein rotes Buch, Jakobs Lebensbuch, mit immer mehr Einzelheiten. Er lernt die Hebamme kennen, die ihn auf die Welt gebracht hat. Er besucht seine Kriseneltern und schießt Fotos in seinem alten Zimmer. Er trifft zum ersten Mal seine Schwester, die bei jener komischen Oma wohnt, die Jakob bisher auch nicht kannte.

„Jakob und das rote Buch“ ist zart mir kolorierten Bleistiftzeichnungen illustriert. Sie sind über die Seiten verstreut und haben etwas schwebendes, sie sind detailreich und gleichzeitig äußerst zurückhaltend. Auch sie tasten sich, wie Jakob selbst, an seine Geschichte heran. Das Buch schließt mit dem Anlauf zu einem neuen Besuchstermin. Vielleicht kommt seine Mutter dieses Mal?

Franz-Joseph Huainigg
Verena Hochleitner (Illustration)
Jakob und das rote Buch
Wiener Dom-Verlag 2012, € 14,90
für ältere Kita-Kinder und für die Grundschule

Alles Schweine, oder was?

Dieses Bilderbuch hat eine einfache, aber überzeugende Botschaft: Bevor ihr über fremde Menschen schlecht urteilt und sie ausgrenzt, lernt sie erst mal kennen.

Das kleine Schaf und sein Papa haben es nicht leicht, denn sie leben als einzige Vertreter ihrer Art im „Schweineland“. Die dort lebenden Schweine lassen keine Gelegenheit aus, den beiden Schafen zu zeigen, wie unerwünscht sie in ihrem Land sind. Von der Bäckerin werden sie unfreundlich bedient, von der Polizistin ohne Grund kontrolliert und die Rennfahrerin fährt, unter dem Gejohle der Passanten, rücksichtslos nahe an ihnen vorbei.

Den größten Ärger haben die beiden Schafe aber mit ihrem direkten Nachbarn Bodo Grunz. Täglich werfen sie sich böse Blicke zu und denken schlecht und beleidigend übereinander.

Eines Tages stürzt Bodo unglücklich. Von den achtlos vorbeigehenden Schweinen kommt keine Hilfe aber das kleine Schaf und sein Papa kümmern sich um ihren Nachbarn. Durch diese Begebenheit ändert sich die Beziehung der beiden Parteien: sie lernen sich kennen, entdecken Gemeinsamkeiten und haben viel Spaß miteinander.

In lustiger z.T. Wimmelbildoptik oder sehr klar gezeichneten Einzelbildern wird die Misere der Schafe dokumentiert.

Alice Briere-Haquet
Pénélope Paicheler (Illustration)
Alles Schweine, oder was?
Übersetzung: Klaus Cäsar Zehrer
Klett Kinderbuch 2013, € 13,95
ab 4 Jahren

Blumkas Tagebuch. Vom Leben in Janusz Korczaks Waisenhaus

Kann man Kindern vom Holocaust erzählen, und, wenn ja (und davon geht dieses Buch aus), wie kann man es tun?

Die polnische Autorin und Illustratorin Iwona Chmielewska hat mit „Blumkas Tagebuch“ einen eigenen Zugang gefunden. Am Anfang steht ein Bild – ein gezeichnetes „Foto“ einer Kindergruppe, hinter ihnen der „Herr Doktor“ Janusz Korczak, der Leiter des Waisenhauses, in dem diese Kinder leben. Blumka ist vielleicht eins der Kinder auf dem Bild, sie erzählt auf den folgenden Seiten zu jedem eine kleine Geschichte, die das jeweilige Kind in Wort und Bild fein charakterisiert. Und sie erzählt vom „Herrn Doktor“: Sie bewundert und liebt ihn dafür, dass er ihr aller Recht auf  Eigenart und Unversehrtheit so ernst nimmt, wie seine eigenen Pflichten im täglichen Zusammenleben.

Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen musste Korczaks Waisenhaus 1940 ins Ghetto umziehen, 1942 wurden alle Kinder und Korczak selbst ins Konzentrationslager deportiert und ermordet. Dieses Ende bleibt im Bilderbuch unausgesprochen, einzig ein gezeichneter Eisenbahnwaggon deutet den Weg nach Treblinka an. Das Bild gehört nicht mehr zu Blumkas blauen, wie mit Kugelschreiber gemachten Tagebuch-Zeichnungen, sondern ist Kommentar der Autorin/Illustratorin und ein Gesprächsangebot für erwachsene MitleserInnen, wenn sie mit Kindern dieses ernsthafte und dabei so humorvolle Bilderbuch anschauen.

Iwona Chmielewska
Blumkas Tagebuch. Vom Leben in Janusz Korczaks Waisenhaus
Übersetzung: Adam Jaromir
Gimpel Verlag 2011, € 29,90
für die Grundschule

Das Mädchen in Rot

Sophia will ihre Großmutter besuchen. Sie packt Kekse in ihren Rucksack, knöpft den roten Kapuzenmantel zu und macht sich auf den Weg, die Ermahnung ihrer Mutter im Ohr: Pass auf! Geh nicht vom Weg ab!

Roberto Innocenti verlegt dieses Rotkäppchenmotiv in unsere Gegenwart. Der „Wald“ ist eine übervolle, große Stadt. Sophias Weg ist weit, er führt vom Stadtrand aus mitten durch die „Mitte“, eine riesige Einkaufspassage, in der sich auch Sophias Lieblingsschaufenster befindet. Versunken steht davor und prompt findet sie später den richtigen Ausgang nicht und verirrt sich. Jetzt lauern überall Gefahren – eine Gruppe Jugendlicher bedrängt Sophia, aber gerade, als es richtig unangenehm wird, kommt der „Wolf“, gangsterboss-mäßig gekleidet! Erst ist er Retter und Sophia vertraut ihm, dann aber wohl Verbrecher, denn so, wie die Bilder weitererzählen, liegt der Schluss nahe, dass der „Wolf“, Sophia und ihre Großmutter, „gefressen“ hat. Doch dann kommt eine Wende! Im Rückgriff auf die Rahmenhandlung machen die Autoren klar, dass auch diese gegenwärtige Rotkäppchenversion eine Geschichte ist, die so oder so erzählt werden kann. In der Rahmenhandlung lauschen einige Jungen und Mädchen einem kleinen, strickenden Großmütterchen, das im zweiten Anlauf ein glückliches Ende zulässt. Die Mutter schließt ihre Tochter in die Arme.

Das Buch ist überwältigend, sowohl in der farbigen Fülle seiner realistisch anmutenden Bilder, als auch in der Beschreibung der Stadt als Moloch und bedrohliches Umfeld. Nicht zuletzt geht es in diesem Buch um das Erzählen selbst, seine Vielgestaltigkeit, seine Funktion,  Emotionen zu wecken und auch wieder zu beschwichtigen – je nachdem!

Aaron Frisch
Roberto Innocenti (Illustration)
Das Mädchen in Rot
Übersetzung: Ulli Günther, Herbert Günther
Gerstenberg 2013, € 16,95
für die Grundschule

Ein Mann, der weint

Mitten im geschäftigen Treiben der Einkaufstraße steht ein Mann, der weint. Niemand beachtet ihn, nur ein Junge vergisst Mutter und Schwester und Einkaufswagen und schaut den Mann fasziniert an. Sein Papa hat gesagt, dass Männer nicht weinen, aber dieser tut es doch! Schließlich gelingt es dem Kind zu fragen: Warum weinst du? Ich bin traurig, antwortet der Mann, der gar nicht recht registriert, wer da was von ihm will. Zuhause sitzt der Papa hinter einer großen Zeitung, aber der Junge erzählt von dem Erstaunlichen, das er gerade erlebt hat, er ist noch ganz erfüllt davon. Das merkt der Papa und nimmt ihn fest in den Arm.

Mit großer Leichtigkeit hat Wiebke Oeser die Zeichnungen hingeworfen und auch nicht vergessen, auf den Bildern etwas passieren zu lassen. Aufmerksame Betrachter entdecken den Briefumschlag in der Hosentasche des traurigen Mannes, das Mädchen mit dem Hund taucht immer wieder auf und der Hund hat den Jungen die ganze Zeit im Auge, während die Mutter unentwegt das Kleiderkarussell dreht.

Das Buch ist eine tolle Momentaufnahme aus dem Alltag eines aufgeweckten Kindes, mit einem Papa, der im entscheidenden Augenblick das Richtige tut.

Matthias Jeschke
Wiebke Oeser (Illustration)
Ein Mann, der weint
Hinsdorff 2011, € 14,95
ab 5 Jahren

Franziska versteckt sich

Das ist schon ziemlich schlimm was Franziska da passiert, als sie ihre kleine Nachbarin Almut besucht.

Almut wird von der coolen Tagesmutter Puma betreut und Franziska findet sie ganz toll . Puma betreut außerdem noch zwei Babys in der Wohnung. Mittags legt Puma die beiden schlafen, die Mädchen sollen sie aber nicht stören.

Almut und Franziska gehen aber trotzdem ins Schlafzimmer, wecken die Babys auf und spielen einige merkwürdige Spiele mit ihnen. Als sie die beiden wieder zurück ins Bett legen wollen, passiert Franziska ein Missgeschick: das Baby rutscht ihr aus den Händen, fällt auf den Boden, verletzt sich und schreit. Die Tagesmutter schimpft mit ihr. Franziska schämt sich ganz fürchterlich und läuft weg. Zuerst nach Hause zum Vater doch :“...das kann man nicht erzählen“. Dann versteckt sie sich auf dem Dachboden, sie möchte allein sein.

Plötzlich tauchen dort einige frettchenähnliche Tiere auf, die sie trösten wollen. Franziska darf alles mit ihnen machen: sie wirft die Tiere durch die Luft und schmeißt sie auf den Boden weil sie auch das gut finden. In ihren Gedanken spielt sie das „Schreckliche“ mit Hilfe der Fantasietiere noch mal durch. Schließlich kommt Puma mit den Kindern auf den Dachboden und reicht Franziska die Hand zur Versöhnung.

Wer die anderen drei Franziska-Bilderbücher von P. Lindenbaum kennt, weiß, dass Franziska mit großen Wölfen, dusseligen Schafen und frechen Elchbrüdern fertig wird. In dieser Geschichte dirigiert sie in ihrer eigenwilligen Art die Tiere nicht, eher bieten sich ihr die Tiere als Gesprächspartner an, mit deren Hilfe sie ihre Scham bewältigt.

Pija Lindenbaum illustriert  ihre Bücher selbst und so ist es nicht verwunderlich, dass Bild und Text  eine überzeugende Einheit bilden. Die Perspektive der Kinder die im Text deutlich wird, ist auch in den Bildern zu finden. So erscheinen die Erwachsenen riesengroß im Vergleich zu den klitzekleinen Babys. Die dargestellten Räume sind fast immer so stark angeschnitten, dass man förmlich in den Ort des Geschehens hineingezogen wird und sich, auf subtile Art, auch irgendwie verkleinert fühlt.

Pija Lindenbaum
Franziska versteckt sich
Übersetzung: Birgitta Kicherer
Moritz Verlag 2013, € 13,95
ab 5 Jahren

Wanda Walfisch

Eine fröhliche Mobbing-Geschichte? Ja, dieses ist eine und es ist nicht viel mehr nötig als ein Kind mit Phantasie und einen Erwachsenen, der dieses Kind sieht und ernst nimmt. „Was ist los mit dir? Schwimmst du nicht gern? Du schwimmst doch gut“, fragt ein solcher, es ist der Schwimmlehrer. „Bin zu dick“ entgegnet Wanda. Sie hasst die Schwimmhalle, weil sie immer so große Spritzer macht und weil sie ausgelacht wird: Wanda Walfisch, dick und rund, Wanda Walfisch, 100 Pfund.

„Zu dick“, das lässt der Schwimmlehrer nicht gelten. Denkt etwa ein Fisch, er sei zu schwer zum Schwimmen? Na also! Dann erklärt der Lehrer der staunenden Wanda, dass Menschen alles sein können, was sie sich vorstellen. Denk einfach „Feder“, rät er ihr. Auf wunderbar malerisch angelegten Tableaus probiert Wanda aus, was sie sein will: „Feder“, wenn es beim Schwimmen nicht spritzen soll, „Riese“, wenn der blöde Mann auf dem Heimweg sie wieder ansprechen will, „Statue“ und sie spürt die Impfung nicht. Es funktioniert immer. Die etwas hinterhältige Aufforderung einer Mitschülerin, doch jetzt mal vom Sprungturm zu springen, quittiert Wanda mit einem fetten Walfisch-Gedanken und einem mächtigen Platsch. Autorin und Illustratorin ist ein sympathisches Alltags-Bilderbuch gelingen. Und es ist erstaunlich, wie die kugelrunde dicke Wanda letztlich durch das Buch schwebt!

Davide Cali
Sonja Bougaeva (Illustration)
Wanda Walfisch
Übersetzung: Claudia Steinitz
Atlantis 2010, € 14,95
ab 5 Jahren

Wilhelms Reise - eine Auswanderergeschichte

„Wilhelms Reise“ erzählt von einem großen Abenteuer, das allerdings nicht in der Freizeit, im Urlaub, zum Vergnügen unternommen wird, sondern aus Not, als Ausweg aus bitterer Armut, als Lebensentscheidung. Ausgehend von „Wilhelms“ Skizzenbuch, das mit vielen detailreichen Zeichnungen eine Schiffsreise mit dem großen Segler Kolumbia von Bremerhaven nach New York dokumentiert, bereitet die Autorin eine Fülle von Informationen über die Bedingungen und die Umstände einer Auswanderung nach Amerika aus. Die Kopplung an die Situation eines Einzelnen ermöglicht uns emotionale Nähe zu diesen Ereignissen aus dem 19. Jahrhundert, die ja für unsere Kinder weit weg sind – oder vielleicht auch nicht? Auch heute „reisen“ Kinder unter schwierigen Bedingungen, wenn sie z. B. aus Kriegsgebieten flüchten müssen.

Anke Bär zeichnet naturalistische und trotzdem poetische Bilder, meist schwarz-weiß mit Bleistift, manchmal koloriert. Aus ihnen ist abzulesen, was die Menschen tun, wenn sie sich auf dem engen Segelschiff einrichten müssen, was sie dabei haben, was sie essen, was die Kinder spielen.

Die Texte sind sachlich und angenehm zurückhaltend, so dass die Betrachtung der Bilder im Vordergrund stehen kann. Die Texte sorgen für die, die mehr wissen wollen und für die Erwachsenen, die befragt werden.

„Wilhelms Reise“ ist ein gelungenes Geschichtsbuch fürs Grundschulalter.

Anke Bär
Wilhelms Reise - eine Auswanderergeschichte
Gerstenberg 2012, € 14,95
für die Grundschule

Zugvögel

Im Frühling landen die Zugvögel im Wald hinter der Stadt. Luca erwartet sie schon und heißt sie willkommen. Er scheint sie zu kennen, vom letzten Jahr? Jedenfalls ist Paulinchen (wieder?) dabei und Luca steckt den ganzen Sommer mit ihr zusammen. Auch die anderen leben in der Stadt und verdienen ihr Auskommen mit Straßenmusik. Der Autor/Illustrator zeichnet sie als menschliche Zug-„Vögel“, sie tragen alle eine Vogelschnabel-Maske, sie haben Flügel und sie können sich auf Telefonleitungen versammeln – wie sie es im Herbst tun, der auf den Sommer folgt. Paulinchen aber will dieses Jahr nicht weiterziehen, sie möchte zur Schule gehen wie Luca und sie möchte Schnee sehen. Das geht nicht – sagt Olga Petrowa, die vielleicht die Älteste ist – wir sind fahrendes Volk, die Leute mögen nicht, wenn wir im Winter bleiben.

Dann geht es aber doch: Luca kennt eine Frau, die in der Stadt ein riesiges Nest gebaut hat, für Zugvögel, die bleiben wollen und andere, die nicht wissen, wohin.

Dieses ist ein leises, poetisches Bilderbuch über „fahrendes Volk“, über nur zeitweise geduldete Menschen. Das Bild vom Zugvogel ist ganz durchgehalten und findet einen Höhepunkt in der Darstellung des „Nestes“ von Frau Lorenz. Zuletzt hängt Paulinchen ganz bildlich ihre Flügel an den Nagel – zu vielen anderen, die da schon aufgereiht sind.

Michael Roher
Zugvögel
Picus 2012, € 14,90
ab 5 Jahren