Empfehlungsliste 34

Klassenlektüre

Immer wieder ist es eine Frage, welches Buch gerade jetzt für die Klasse gut passt! Wir fügen den vielen vorhandenen Empfehlungen hier einige weitere hinzu, die bisher selten für die Schule ausgewählt wurden, denen wir aber eine Chance wünschen. Es sind ganz aktuelle Titel vertreten, dazu einige ältere, die jetzt erst als Taschenbücher auf den Markt gekommen sind oder wieder neu aufgelegt wurden. Für alle Bücher gibt es Material auf den Internet-Seiten der jeweiligen Verlage oder Verweise auf solches - und auch weitere interessante Stellungnahmen und Berichte von LehrerInnen und jugendlichen LeserInnen im Internet.

Klasse 5 bis 7

Rico, Oskar und die Tieferschatten

Auf den ersten Blick ist der 10-jährige Berliner Junge Rico ein etwas anderer Kinderbuchheld. Als „tiefbegabter“ Schüler eines Förderzentrums gerät in seinem Kopf öfter etwas durcheinander und wenn es um Orientierung oder logisches Denken geht, braucht er immer etwas länger als andere Kinder in seinem Alter. Trotzdem gelingt es ihm in diesem Sommer den hochbegabten Oskar als Freund zu gewinnen, den berüchtigten Kinderentführer „Mister 2000“ zu entlarven und seine Gedanken und Erlebnisse in einem Tagebuch festzuhalten. Rico weiß, dass er nicht der Hellste ist, aber selbstbewusst geht er seinen Weg und beobachtet genau, wie andere auf ihn reagieren: ob sie sich über ihn stellen oder ihn so akzeptieren wie er nun mal ist - nämlich ziemlich sympathisch.

Ein vielschichtiger Roman, der komische und tragische Begebenheiten mit einer spannenden Kriminalgeschichte verbindet.

Andreas Steinhöfel
Peter Schössow (Illustration)
Rico, Oskar und die Tieferschatten
Carlsen 2011, € 6,95
5. und 6. Klasse

Ihr kriegt mich nicht

Mik ist wahrscheinlich zwischen 10 – 14 Jahre alt und lebt mit seinem ewig betrunkenen Vater und mit seinem älteren kleinkriminellen Bruder in Stockholm. Die Fürsorge bringt ihn ob der desolaten Familiensituation erst mal bei seiner Tante im schwedischen Norden unter. In diesem kleinen Ort mit allerlei schrulligen Gestalten erfährt Mik, dass Leben durchaus eine prima Sache sein kann und beschließt, mit Einverständnis der Tante, dort zu bleiben. Jedoch meint die Fürsorge einen besseren Platz für Mik zu haben und verbringt ihn in eine Pflegefamilie, wo er Sklavenarbeit verrichten muss. Er reißt aus, wird wieder zurückgebracht und reißt wieder aus. Er findet den Weg zurück zu seiner Tante und lebt dort ein Weilchen, bis die Fürsorge wieder vor der Tür steht.

In dieser Rahmenhandlung wird das Leben Miks aus seiner Perspektive erzählt. Er ist eher ein Antiheld und auch mehr ein Spielball der Umstände als Akteur seiner Geschichte, jedoch kämpft er, so gut er kann und kommt so mehr oder minder erfolgreich durch diverse große und kleine Abenteuer seiner kleinen Odyssee.

Das Besondere an dieser Geschichte ist weder die Handlung noch sind es die Charaktere, ihre hauptsächliche Qualität liegt in der ruhigen, unaufgeregten Beschreibung des Flusses der Ereignisse. Die Sätze sind einfach und im Schnitt kurz, es wird auf eine Dramatisierung der Ereignisse und längere innere Monologe verzichtet, und dennoch liegen einem die Innenwelten der agierenden Personen, so wie Mik sie sieht, offen. So wird über eine hohe Identifikation mit der Hauptperson ein Bangen um seinen Werdegang erzeugt. Eigentlich ein sehr schlichtes Konzept mit eher schlichten sprachlichen Mitteln, das der Autor jedoch so großartig umsetzt, dass das Lesen eine reine Freude ist.

Mikael Engström
Ihr kriegt mich nicht
Übersetzung: Birgitta Kicherer
dtv 2011, 330 Seiten, € 7,95
ab 6. Klasse

Das Buch von allen Dingen

Seine Gedanken, seine Fragen seine vorsichtigen Antworten darauf schreibt Thomas in ein Buch, das er das „Buch von allen Dingen“ nennt. Thomas, ungefähr acht Jahre alt, ist besonders: er sieht Dinge, die andere nicht sehen, z.B. die Schönheit von Elisa mit der Beinprothese, Frösche zuhauf in den Straßen, tropische Fische im Kanal und sogar Jesus. Alles, worüber Thomas nachdenkt, steht ihm wie lebendig vor den Augen.

Es gibt allerhand zum Nachdenken, denn Thomas’  Zuhause ist geprägt durch religiöse Verbohrtheit, Angst und Freudlosigkeit. Leser und Leserinnen halten selbst den Atem an, wenn der Vater vom Tisch aufsteht, bis zur Lampe anzuschwellen scheint und die Mutter im Namen Gottes schlägt. Die Wohnung einer furchtlosen Nachbarin ist Thomas’ Fluchtburg. Bei der alten Frau beginnt er mit dem, was er sich für später vorgenommen hat, nämlich glücklich zu sein. Furchtlosigkeit steckt an, Mut zeigen ermutigt andere: Thomas Schwester, seine Mutter. Dem Vater gemeinsam die Stirn bieten entlarvt diesen als einen hilflosen, angstvollen Menschen, unfähig zur Fröhlichkeit.

Der Autor macht einem wenig Hoffnungen für den Vater, aber dass Thomas glücklich wird, hält er durchaus für möglich. „Das Buch von allen Dingen“ ist schmal, aber spannend, merkwürdig, erschreckend und anrührend: es ist besonders wie sein Protagonist.

Guus Kuijer
Das Buch von allen Dingen
Übersetzung: Silke Hachmeister
Oetinger 2011, 95 Seiten, € 6,95
5. bis 7. Klasse

Marokko am See

„Marokko am See“, das ein Außenbezirk von Amsterdam, wo vor allem arabisch-stämmige Familien wohnen. Die Hauptfigur ist Issa, 12 Jahre alt, ein fröhlicher Kerl, der zusammen mit seinem Freund Hisham keine Gelegenheit auslässt, etwas anzustellen. Leider muss Issa wegen „Schwäche“ auf der ganzen (Schul-)Linie ohne Hisham eine Förderschule besuchen. Zuerst findet er das ziemlich unangenehm, aber dann lernt er dort beeindruckende LehrerInnen kennen, außerdem die schöne Farah und einen „Käsekopf“, einen Holländer! Es ist vor allem für Issas Eltern ganz und gar nicht selbstverständlich, einen holländischen Freund zu haben, sich mit holländischen Jungs zu prügeln, mit der Straßenbahn in die Stadt zu fahren und auch nicht selbstverständlich, niederländisch zu sprechen. Und kann man überhaupt auf Niederländisch Witze erzählen? Das ist nämlich Issas große Stärke.

Die Autorin erzählt mit Witz und Humor von einem Jungen, der kulturell zwischen allem steht und doch gehörig an Selbstbewusstsein gewinnt.

Karlijn Stoffels
Marokko am See
Übersetzung: Rolf Erdorf
Beltz 2007, 155 Seiten, € 6,95
ab 6. Klasse

Bloße Hände

Ein schmales Buch, nur gute 100 Seiten, die es in sich haben: Es geht um sogenannte sinnlose Gewalt, die aber, wie Bart Moeyaerts Geschichte zeigt, durchaus benennbare Motive und Ursachen hat.

Ward und Bernie sind Freunde, wenn auch ungleiche. Am Sylvesterabend töten sie halb im Spiel, halb im Ernst Bauer Betjemans alte Ente. Ward hasst Betjeman von Herzen - und ausgerechnet der bändelt mit seiner Mutter an! Jetzt  ist er den Jungen auf den Fersen, aber sie können entkommen. Nicht so Elmer, Wards kleiner Hund. Betjeman erwischt ihn und erschlägt ihn. Ward ist wie erstarrt, Bernies Mutter entsetzt, und Bernie versucht, Ward zu einem Racheakt zu bewegen.. Am Schluss bleibt Betjeman zurück, ein unsympathischer Mensch, auf den man wütend ist und der einem doch Leid tut.

Das Besondere an diesem Buch ist, dass es ganz streng personal erzählt wird: die LeserInnen erfahren alles aus Wards Sicht, nur seine Einschätzungen von Ereignissen und Personen spielen eine Rolle. Das ist manchmal nicht ganz einfach zu lesen, denn Wards Gedanken springen von sich weg, von Person zu Person, von gestern zu heute. Vielleicht kann dieser Text sogar ganz vorgelesen werden, bevor damit gearbeitet wird.

Bart Moeyaert
Bloße Hände
Übersetzung: Mirjam Pressler
dtv 2011, 107 Seiten, € 6,95
5. und 6. Klasse

Ich werde weiterleben. Für dich.

Jenna ist 13, Tochter einer allein erziehenden Mutter, die an Brustkrebs erkrankt ist und auch daran stirbt. Das Sterben der Mutter prägt Jennas Alltag. Aber sie ist auch ein angehender Teenager mit diversen Problemen, die sich mehr oder minder bei jeder ungefähr 13 Jährigen einstellen. Jenna hat Probleme mit ihrem Körper, ihren Freunden und ihrer heimlichen Liebe. All das hat neben dem Sterben der Mutter viel Platz in diesem Roman. Er bildet das Leben mit der sterbenden Mutter vollständiger ab, als vergleichbare Geschichten, die den Fokus komplett auf den Tod einer geliebten Person setzen. Es wird erzählt, wie tief die Krankheit der Mutter in den Mädchenalltag eingreift und ihn behindert, so dass Jenna oft ambivalente Gefühle für ihre Mutter entwickelt.

Unaufgeregt erzählt die Autorin in meist kurzen Sätzen von Jennas Leben. Sie erzählt von Erfolgen bei neuen Freundschaften, Erfolgen und Misserfolgen bei der ersten Liebe und vom Ringen um ein Verhältnis zum drohenden Tod der Mutter. Alles in allem ein fast normaler Initiationsroman.

Johannes Thydell
Ich werde weiterleben. Für dich.
Übersetzung: Gisela Kosubek
Oetinger 2011, 254 Seiten, € 7,95
ab 7. Klasse
Klasse 8 bis 10

Rotkäppchen muss weinen

Malvina radelt mit gefülltem Korb zum Haus ihres kranken Großvaters. Oder zum vielleicht kranken Großvater – Malvina traut ihm nicht. „Wie Rotkäppchen“ sagt Klatsche zu ihr. Im letzten Jahr hat sie noch mit Klatsche gekämpft, jetzt versucht er beharrlich, Malvina kennen zu lernen und sie aus der Reserve zu locken. Ja, wie Rotkäppchen, aber der böse Wolf ist nicht ein Wolf im Wald oder Klatsche an der Straßenecke, sondern der Großvater. Nach längerer Zeit ist Malvina wieder einmal mit ihm allein und sein Kuss auf ihren Mund schlägt in ihr ein Buch mit Erinnerungen auf, von dem sie gar nicht mehr wusste, dass es vorhanden ist. „Opa hat mich geküsst“, sagt sie zu Bruder, Vater, Mutter. Keiner glaubt ihr, zumindest scheint das so, denn sie alle haben eigene Verstrickungen mit dem Großvater, sind froh, ihm nicht begegnen zu müssen.. Doch da gibt es zum Glück Opas aufmerksame Nachbarin, es gibt Malvinas Freundin Lizzy, und es gibt Klatsche, der sich Malvinas Zickigkeit nicht so schnell geschlagen gibt. Allerdings ist das Vertrauen in ihre Familie nachhaltig gestört. Als Leserin bleibt man für diesen Teil der Erzählung mit einem unguten Gefühl zurück, aber Malvina hat gelernt zu schreien.

Ein eindrückliches, spannendes Buch, das sexuellen Missbrauch nicht „thematisiert“, sondern dessen Protagonisten – Malvina und Klatsche – glaubwürdige, wahrhaftige Jugendliche in einer schwierigen Situation sind, mit denen die LeserInnen um eine Rettung bangen.

Beate Teresa Hanika
Rotkäppchen muss weinen
Fischer 2010, 222 Seiten, € 6,95
ab 8. bis 9. Klasse

Echte Cowboys

Drei Jugendliche um die 15/16, alle mit nicht gerade rosigem Familienhintergrund: Cosmos’ Mutter ist seit Jahren Alkoholikerin und stirbt nach einem Selbstmord-Versuch im Krankenhaus, sein Vater sitzt im Gefängnis. Toms Vater hat erklärtermaßen mit Familie und seinem Sohn nichts am Hut und ist dauer-abwesend. Nathalies Eltern regeln alles, auch die Bedürfnisse ihrer Tochter, mit Geld. Soweit die doch etwas stereotypen Ausgangsbeschreibungen der Hauptfiguren.

Aber dann nimmt die Geschichte mit Cosmos’ Flucht aus dem Heim, in dem er untergebracht werden soll, schnell Fahrt auf. Einerseits gibt ein etwas verkrachter Polizist, der Cosmo zu finden versucht, der Handlung Dynamik, andererseits gewinnen die Jugendlichen selbst zunehmend an Kontur und Individualität. Es ist spannend zu lesen, wie sie sich kennenlernen, sich aufeinander zu und voneinander weg bewegen, immer auf der Hut und gleichzeitig sehnsüchtig nach Nähe und gemocht werden. Bleiben oder weglaufen? Sich rächen oder vergessen? Eingreifen oder zuschauen? Solche Gegensätzlichkeiten werden keineswegs schwarzweiß abgehandelt. Außerdem hat der Autor gelungene Dialoge geschrieben, glaubwürdige Jungen- und Mädchenperspektiven eingenommen und ein offenes, aber positives Ende gefunden.

Stephan Knösel
Echte Cowboys
Beltz 2011, 237 Seiten, € 7,95
ab 8. Klasse

1:0 für die Idioten

Louisa hat versucht sich umzubringen. Jetzt ist sie in der „Villa Strandlust“, einer psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche. Hier soll sie ins Leben zurückfinden - wie die anderen in der Gruppe, die plötzlich ihre ist: Zebbie, der man kein Messer geben darf, Hassan, der immer in eine Decke eingewickelt herumläuft, Cor, der alle provoziert. Louisa hat, wie sich herausstellt, einen scharfen und mitleidslosen Blick für die anderen, ihren Therapeuten eingeschlossen, aber sie weiß  nicht, wie sie mit sich selbst zurechtkommen soll, sich selbst kennt sie nicht. Karlijn Stoffels erzählt Louisas Geschichte spannend, realistisch und komisch: das Buch ist witzig und traurig zugleich. Sie gibt Louisas Erwartungen, ihren Enttäuschungen und Unsicherheiten, aber auch ihren Bosheiten Raum und verhehlt nicht die Angst, mit der Louisa zum Schluss in ein „normales“ Leben aufbricht. Vor allem kommt zum Ausdruck, wieviel Kraft in Louisa steckt!

Karlijn Stoffels
1:0 für die Idioten
Übersetzung: Rolf Erdorf
Beltz 2010, 165 Seiten, € 6,95
ab 8. bis 9. Klasse

Nichts was im Leben wichtig ist

Kinder, freut euch über den heutigen Tag! Ohne Schule gäbe es auch keine Ferien“ witzelt der Lehrer am ersten Schultag nach den Ferien. „Nichts bedeutet irgendetwas. Das weiß ich schon lange. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun. Das habe ich gerade herausgefunden,“ sagt Pierre-Anthon, packt seine Sachen zusammen und verlässt den Klassenraum. Fortan sitzt er im Pflaumenbaum vor seinem Haus und bombardiert seine MitschülerInnen auf dem Heimweg mit unreifen Pflaumen und nihilistischen Sprüchen: „Selbst wenn ihr etwas lernt, damit ihr glaubt, ihr könntet etwas, ist immer jemand da, der das besser kann“...Das nervt, denn sie alle, dessen ist sich die Ich-Erzählerin Agnes sicher, sind in der Schule, um etwas zu werden, um jemand zu werden! Oder? Was wäre, wenn Pierre-Anthon recht hätte? Er ist klug, er ist stark! Was, wenn es sich wirklich gar nicht erst lohnte, etwas anzufangen? 13/14/erwachsen/tot! Nein, keine, keiner will Pierre-Anthon folgen, im Gegenteil: sie werden ihm beweisen, dass es Bedeutung gibt.

Und so beginnen sie in einer alten Fabrikhalle zu sammeln. Nach eher lauem Anfang ist es Agnes, die den Stein so richtig ins Rollen bringt: alle müssen etwas ganz Persönliches opfern, um sicher zu stellen, dass es wirklich Bedeutung hat. Prompt muss sie ihre heiß erbettelten neuen Sandalen rausrücken. Im Fortgang legt jede und jeder haarscharf den Finger in die Schwachstellen und Verletzlichkeiten der anderen, und die Forderungen laufen mit dem Anwachsen des Berges aus Bedeutungen immer mehr aus dem Ruder. Und das Schlimmste: Für Pierre-Anthon hat der Berg trotz Schweiß, Tränen und Blut, die er gekostet hat, keinerlei Bedeutung. Er bezahlt dafür mit seinem Leben...

Janne Tellers Buch berührt psychologische und philosophische Lebensfragen sowohl auf individueller als auch auf der Gruppen-Ebene, die hier interessanterweise von Jugendlichen autonom verhandelt werden. „Nichts“ ist kein Roman im Sinne ausgefeilter Figurengestaltung und ausformuliertem Handlungsgefüge, sondern bleibt bis zum Schluss ein parabelhafter Text, der eine Möglichkeit der Eskalation auslotet, wenn Angst, Wut, Enttäuschung, tiefe Verletzung und Hilflosigkeit im Spiel sind.

Janne Teller
Nichts was im Leben wichtig ist
Übersetzung: Sigrid C. Engeler
dtv 2012, 140 Seiten, € 6,95
ab 9. Klasse

Jan, mein Freund

Krille, der Ich-Erzähler, und die Bande werden von der Polizei mit Jans Fahrrad konfrontiert. Ob sie dieses Fahrrad schon mal gesehen haben? Welche Frage! Jan lernte man per Fahrrad kennen, Krille, jeder aus der Bande hatte ihn so kennen gelernt. Parallel zur Befragung durch die Polizei, die nach und nach noch andere Gegenstände - Jans Hose, sein Hemd, seine Turnschuhe - präsentiert, rollt Krille seine persönliche Geschichte mit Jan, diesem seltsamen und geliebten Freund, auf: schmächtig, rothaarig, mit mädchenhaften Gesichtszügen, tollkühn, artistisch sicher auf dem Rad, aber auch auf Geländern und Dächern, verschlossen, ohne Nachnamen, ohne Adresse, Eltern und Schule. Manchmal war er für Wochen verschwunden, dann plötzlich wieder da. Und: nichts von dem, was der Polizist zeigt, hätte Jan freiwillig hergegeben. So verdichtet sich die Ahnung von etwas Bedrohlichem, Schrecklichem, das passiert sein muss.  Zum Schluss - und jetzt ist Krilles Erzählung in der Gegenwart angelangt - ist Jan tot. Verschleppt, misshandelt, ermordet. Zum Schluss wird auch offenbar, dass Jan ein Mädchen ist.

Im Nachhinein erschließen sich die Andeutungen auf Jans Identität und auf seine Lebensumstände, viele schlagartig, für andere blättert man zurück und sucht die entsprechenden Stellen. Das Buch stellt hohe Anforderungen für die Rezeption des Textes: großer Umfang, mehrere Zeitebenen, fast alle Gespräche in indirekter Rede, detaillierte Beschreibungen von Orten, Personen, Schilderungen von Gefühlen und Gedanken, inneres Sprechen mit Jan als Text im Text sind die Hürden, die von den SchülerInnen überwunden werden müssen.

Wir nutzen die Neuauflage dieses Buches für eine erneute Empfehlung. Die „Bücherfresser“, eine Lesegruppe, die es vor einigen Jahren im Buchladen gab, haben „Jan mein Freund“ damals folgendermaßen beurteilt:

... Das Buch ist Klasse. Ich habe es sofort in den Kreis meiner Lieblingsbücher aufgenommen. Es gibt wenige Bücher, die einen später noch so beschäftigen. Es ist in der Ich-Form geschrieben, aus der Sicht von Krille, und zwar so, dass man auch immer die Zweifel von Krille mit bekommt. Das Ganze ist als Rückblende aufgebaut. Das Buch beginnt nämlich damit, dass ein Polizist Krille und der Bande Jans persönliche Sachen zeigt, und Krille beginnt, darüber und über Jan zu erzählen. Nach und nach beginnt der Leser zu überlegen und zu knobeln. Das ist wirklich toll gemacht!
(13 Jahre)


... Ich fand das Buch nicht schlecht, aber halt nur „nicht schlecht“. Das Ende ist erst ziemlich verwirrend geschrieben, aber dahinter kommt man auch nach einer Zeit und nach dem zweiten oder dritten Durchlesen. Die Geschichte ist echt eine gute Idee, aber ich fand sie teilweise etwas zu langatmig. Also, ich bin nicht sooo begeistert wie L., aber man liest es auf jeden Fall in einem Zug durch!
(16 Jahre)

... Ich habe sehr viel über das Buch „Jan, mein Freund“ nachgedacht. Was dabei rausgekommen ist, weiß ich auch nicht. Ich denke, ich werde einfach mal das aufschreiben, was mir so durch den Kopf geht: Jan ist seltsam und voller Geheimnisse, die er mit niemandem teilen will und vielleicht auch nicht darf oder kann. Eigentlich verrät einem das Buch nur wenig über Jan, den Rest, das Wichtige, muss man sich aus Andeutungen, Vermutungen und Bruchstücken zusammen reimen. Ich weiß nicht einmal, ob Jan ein Mädchen oder ein Junge ist!! Das klingt vielleicht seltsam und bevor ich das Buch gelesen habe, haben mir andere dasselbe gesagt und ich habe erstmal gedacht, die spinnen! So ein Buch gibt´s nicht, das ist doch komisch, wenn man nicht einmal weiß, um welches Geschlecht es sich handelt. Aber...ich weiß nicht, mich hat es irgendwie unzufrieden gemacht, dass ich es nicht mit Bestimmtheit weiß, aber auch neugierig. Ich komme irgendwie nicht weiter, kann nur sagen, dass es jeder lesen kann und sollte, um sich eine eigene Meinung zu bilden!
(15 Jahre)

... Ich fand dieses Buch sehr gut. Nicht nur die Sprache, auch der Inhalt hat mir gefallen. Es ist total spannend und gleichzeitig erfährt man total viel über die Gefühle von Krille, wie dreckig es ihm geht, wenn Jan verschwunden ist, zum Beispiel. Ich bin nicht ganz sicher, was denn nun am Ende passiert ist, aber soo wichtig ist das ja auch nicht. Ich fand das Buch toll, aber, wenn die Geschichte wahr ist, tut mir der, der sie erlebte, Leid.
(16 Jahre)

... Es fällt mir schwer, das Besondere an diesem Buch, den Zauber zu beschreiben! Einen Teil davon macht sicher Peter Pohl´s Schreibsprache aus. Sie ist witzig, ironisch, anspruchsvoll, locker, manchmal etwas langatmig und immer wieder anregend. Außerdem ist das Rätsel, die Spannung unbeschreiblich! Peter Pohl hat es geschafft, ein großes Geheimnis ein ganzes Buch lang so zu verstecken, dass jeder merkt, dass sich dahinter wieder eine eigene Geschichte, eine andere Welt, verbirgt. Sie ist bedrohlich und unerklärlich und auch nur geahnt. Zum Schluß ist das Ganze irgendwie aufgeklärt, es fallen einem aber noch lange irgendwelche Hinweise ein, die doch noch alles in ein anderes Licht rücken. Auch Krilles Phantasien vom wirklichen Geschehen zu trennen ist schwer, weil ich mich wirklich völlig in seine Situation versetzen konnte. Ich glaube, ich habe noch über kein Buch so lange nachgedacht. Ich empfehle es allen dringendst, aber erst ab 14 oder so!
(14 Jahre)

 

Peter Pohl
Jan, mein Freund
Übersetzung: Birgitta Kicherer
Ravensburger 2011, 296 Seiten, € 7,95
ab 9. Klasse

tschick

„tschick“ ist ein Roadmovie. Zwei Vierzehnjährige aus Berlin, einer aus „stinkreichem“ Haus (Maik), der andere aus „asozialen Verhältnissen“ (Tschick), klauen einen Lada und wollen in die Walachei. Wie in einem Roadmovie üblich gibt es einen Haufen skurriler Begegnungen und Situationen, die von Maik in einer Rückblende erzählt werden. Er erzählt ein wenig von seiner Familie, der Vater ist ein cholerisches Arbeitstier, die Mutter eine Quartalssäuferin und von Tschick weiß er eigentlich gar nichts und dann geht’s auch gleich los, mit der Reise durch den wilden Osten. Die Stationen auf dieser Reise werden von ihm jedoch ausführlich erzählt, allerdings ohne sie viel zu kommentieren, die Dinge passieren einfach und es muss etwas, meist pragmatisches, getan werden. Da es relativ viele Stationen gibt, nimmt der Roman hier deutlich Tempo auf und auch „Action“-Anteile“, wie eine Auseinandersetzung mit einem Dorfpolizisten und eine rasante Autofahrt durch ein ehemaliges Braunkohleabbaugebiet, sind reichlich vertreten. Er erzählt in einem eher nüchternen, ruhigen, bisweilen lakonischem Tonfall, der dazu beiträgt, dass die Situationskomik, die in den zahlreichen Begegnungen steckt, sich voll entfalten kann.

Insgesamt ist alles stimmig an diesem eher ungewöhnlichen Initiationsroman. Die Hauptfiguren sind Antihelden, es gibt keinerlei Moralkeule, er ist lustig und rasant, die Sprache ist eher einfach und er ist glaubhaft aus der Perspektive eines Jugendlichen geschrieben. Der Roman macht einfach Spaß und die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Leseunwilligen einer Klasse „tschick“ mit Spaß tatsächlich durchlesen, ist sehr, sehr groß.

Wolfgang Herrndorf
tschick
Rowohlt 2012, 254 Seiten, € 8,99
ab 8. Klasse

Tote Mädchen lügen nicht

Zwei Wochen, nachdem Hannah Baker sich das Leben genommen hat, bekommt Clay, der sehr in sie verliebt war, ein Päckchen mit 7 Kassetten zugeschickt. Ohne Absender, mit Hannahs Stimme auf den Bändern! Per Walkman hört Clay eine Kassette nach der anderen, während er zunehmend geschockt und verwirrt durch die Nacht und durch die Stadt läuft. Hannah spricht von 13 Personen und Begebenheiten, die zuletzt in ihrem Leben und auch für ihre Entscheidung gegen das Leben eine Rolle gespielt haben. Clay kennt sie alle.

Hannahs Redefluss (ihre Stimme ist im Text kursiv gesetzt) ist mit Clays Gedanken verwoben, die Hannah ständig unterbrechen. Das liest sich manchmal anstrengend, aber man gerät in den Sog der Erzählerstimme und fiebert mit Clay z.B. der Stelle entgegen, die von ihm selbst handelt.

Das Buch ist eine interessante und dichte Konstruktion von Themen, die Jugendliche beschäftigen: es geht um die Art Mobbing, die entsteht, wenn per Liste der „geilste Arsch“ der Klasse bestimmt wird, um Freundschaft und verratene Freundschaft, Eifersucht, Schüchternheit, um einen Platz in der Gruppe haben/suchen/nicht finden, um Feigheit, Hilflosigkeit und persönliches Versagen. Der Roman verweigert eine einfache Identifikation mit den handelnden Personen und auch nach der letzten Seite bleiben Fragen offen.

Stimmen von jugendlichen LeserInnen, die bei uns im Laden Leseexemplare ausleihen und dazu eine Besprechung verfassen:

... Tote Mädchen lügen war das beste Buch, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Ich habe es an zwei Tagen durchgelesen, weil ich es einfach nicht aus der Hand legen konnte.
Ich kann mir zwar nicht erklären, warum es so spannend war. Wahrscheinlich ist es einfach das Thema, das dieses Buch anspricht und der Wunsch, dass man das Motiv verstehen will. Dazu ist das Buch auch sehr gut geschrieben.
(14 J.)

... Dieses Buch ist sehr eindringlich geschrieben und das Thema Selbstmord bleibt nach dem Lesen erst einmal im Gedächtnis hängen. Die Ich-Perspektive, aus der erzählt wird, lässt das Buch so fesselnd wirken und man hat fast das Gefühl, sich selbst in der Geschichte wieder zu finden. Die Idee, dass ein totes Mädchen sich durch Kassetten „zurück meldet“ und die Gründe ihres Selbstmordes erklärt, wurde vom Autor gut ausgesucht. Ich selbst finde das Buch sehr gut.
(15 J.)

... Ich muss den Kommentar der „amerikanischen Buchhändlerin“ auf dem Buchumschlag („Ich selbst habe versucht, es [das Buch] beim Lesen aus der Hand zu legen. Es ist unmöglich.“) zustimmen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Jay Ashers’ Roman einen nicht loslässt. „Tote Mädchen lügen nicht“ zeigt eine sehr pessimistische, hoffnungslose Weltsicht und oft erkennt man sich selbst darin wieder – den fehlerhaften, unzufriedenen, egoistischen Menschen. Gerade weil es nur um die negativen Momente geht. Ich habe das Buch oft gelesen und lange gesucht nach etwas, das ich als negativ bezeichnen könnte. Ich dachte mir, dass es kein Buch gibt, zu dem man nichts Schlechtes sagen konnte. Ich fand nichts. Sicher, es ist kein Buch für jeden. Es wird Leute geben, denen Jay Asher’s Schreibstil nicht passt oder auch die negative Lebenseinstellung des Buches (bzw. von Hannah Baker- aber immerhin geht es um die Geschichte einer Selbstmörderin). Mir persönlich jedenfalls geht es nicht so.
(16 J.)

Jay Asher
Tote Mädchen lügen nicht
Übersetzung: Knut Krüger
cbt 2010, 280 Seiten, € 9,99
ab 8. bis 9. Klasse

Aftershock

Die israelische Autorin Veret-Zehavi erzählt in ihrem Jugendroman die Geschichte eines 15 jährigen Mädchens, die einen Terroranschlag überlebt hat und einen ungewöhnlichen Weg wählt um ihr Trauma zu bewältigen.

Die Bombe, gezündet von einer 18 jährigen Palästinenserin, verletzt Ella schwer und ihre beste Freundin kommt dabei um. Nach einer Phase der hilflosen Wut und Trauer, entschließt sie sich über das zu schreiben, was ihr seit dem Terroranschlag widerfahren ist.

Im Krankenhaus lernt sie Maher, einen arabischen Jungen kennen, mit dem sie sich anfreundet. Zufälligerweise kennt er ein Mitglied der Familie der Attentäterin. Jetzt ist die Täterin nicht mehr nur ein Phantom, sondern ist eine reale Person mit Namen Nadira geworden. Ella erfindet Geschichten über sie, denkt sich Drehbücher aus, beschimpft sie...

Gegen den Willen der Eltern, nimmt sie heimlich Kontakt zu Nadiras Familie auf. Sie erfährt von der Trauer, der Wut und dem Unverständnis gegenüber Nadiras Tat.

Trotz großer Angst kommt es zum Schluß des Buches zu einem kurzen Treffen mit einer Kusine der Täterin. Ella stellt sich dieser Begegnung und ist mit der Bewältigung ihrers Kummers einen Großen Schritt vorangekommen.

Die Autorin beschreibt sehr einfühlsam die verschiedenen Phasen der Traumabewältigung. Interessant und verständlich beschrieben sind aber auch die aufgrund der langen Feindschaft entstandenen tiefen Gräben zwischen Israelis und Palästinensern - aus der subjektiven Perspektive der israelischen Ella und des arabischen Maher.

Ein Roman, der viel Diskussionsstoff in sich trägt.

Tamar Verete-Zehavi
Aftershock
Übersetzung: Mirjam Pressler
cbt 2010, 200 Seiten, € 6,99
ab 9. Klasse

Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers

Gar nicht witzig ist das Leben des 14-jährigen Arnold Spirit. Aufgewachsen in einem tristen Indianerreservat, umgeben von resignierten, oft alkoholkranken Erwachsenen und schließlich frustriert über die schlechte schulische Bildung, entschließt er sich eine Schule für „Weiße“ zu besuchen.

In Tagebuchform erzählt er von den vielen Demütigungen, aber auch Erfolgen, die der Wechsel in eine andere Kultur mit sich bringt. Seine selbstironischen Schilderungen werden begleitet von comicartigen Zeichnungen, die amüsieren, aber auch wie eine Wutbewältigung und Trauerzeremonie wirken.

Warum man diesen Jugendroman trotzdem als witzig bezeichnen kann, liegt an dem beißendem Sarkasmus und dem schwarzen Humor des Autors. Auf angenehm mitleidslose Weise erzählt er vom Spagat zwischen Herkunft, Tradition und Identität der jungen Indianergeneration.

Sherman Alexie
Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers
Übersetzung: Katharina Orgaß, Gerald Jung
dtv 2012, 270 Seiten, € 7,95
ab 8. Klasse

Hörbücher und Hörspiele

Zu einigen Büchern dieser Liste sind Hörbücher und Hörspiele lieferbar – und damit gibt es eine weitere Möglichkeit für SchülerInnen, sich die Texte anzueignen.

Das absolut wahre Tagebuch
Hörbuch / Hörcompany / 16,95 €

Ihr kriegt mich nicht
Hörbuch / Der Audio Verlag / 12,99 €

Nichts was im Leben wichtig ist
Hörbuch / Hörbuch Hamburg / 9,99 €

Rico, Oskar und die Tieferschatten
Hörspiel / Silberfisch / 9,95 €
Hörbuch / Hörbuch Hamburg / 19,95 €

Rotkäppchen muss weinen
Hörbuch / Silberfisch / 19,95€

Tote Mädchen lügen nicht
Hörbuch / cbj audio / 19,95 €

tschick
Hörbuch / Argon / 19,95 €