Empfehlungsliste 32

Bücher, die von Tod und Trauer erzählen

Die in dieser Liste empfohlenen Bücher greifen das Thema vielseitig auf – immer aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen. Unheilbare Krankheiten, Ängste, Trauer, Wut, und die Alltagsbewältigung nach dem Tod eines geliebten Menschen sind Aspekte der Erzählungen.

Etliche besprochene Titel sind inzwischen vergriffen. Ihr Verschwinden aus den Buchhandlungen ist bedauerlich, zum Glück gibt es Bibliotheken und in einigen Fällen auch Angebote bei den Antiquariats-Plattformen im Internet.

1. Bilderbuch

Auf Wiedersehen, Oma

Felipa ist sehr traurig, weil ihre Oma gestorben ist. Sie lebt im Hochgebirge der Anden. Felipa weiß, dass Omas Seele, wie alle Seelen der Verstorbenen, weiterlebt. Die Mutter sagt:“ Omas Seele lebt bei den Göttern, hoch oben in den schneebedeckten Bergen.“ Felipa macht sich auf den Weg zu den höchsten Bergen. Aber sie schafft es nicht. Als es dunkel und sie müde und hungrig wird, bekommt sie Angst. Zum Glück hat Vater sie gefunden. Er erklärt ihr, dass die Seelen eine eigene Welt in den Bergen haben. „ Einmal im Jahr kommen sie uns besuchen, dann feiern wir ein großes Fest. Felipa hilft gerne bei den Festvorbereitungen. Das ganze Dorf feiert mit den Seelen. Sie ziehen gemeinsam zum Friedhof. Die Gräber sind wunderschön geschmückt. Felipa fühlt sich wohl und ihrer Oma ganz nah. „Auf  Wiedersehen, Oma“, sagt sie leise, “bis zum nächsten Jahr“.

Birte Müller, die Autorin und Illustratorin, kennt Bolivien und das Ritual des Allerheiligen-Festes, den „Tag der Toten“, nach den alten Traditionen in den Anden aus dem eigenen Erleben. Sie zeigt in der Bilderbuchgeschichte Felipa, die mit ihrer Suche nach Omas Seele und ihrer Trauer eingebettet ist in die naturverbundene Dorffamilie im Hochgebirge. Felipa nimmt Teil an den Traditionen, ist begeleitet und aufgehoben von und in der Gemeinschaft.

Die Sprache der Geschichte ist einfach und wird mit der Lebendigkeit der Farben in den eindeutigen Bildern erzählend ergänzt.

Birte Müller
Auf Wiedersehen, Oma
NordSüd Verlag 2006, € 14,80
ab 5 Jahren

Das Mädchen unter dem Dohlenbaum

Der Vater des Mädchens ist gestorben. Das Mädchen wartet unter dem Dohlenbaum vor dem Bahnhof auf seine Mutter, die Fahrkarten kauft. Denn alles soll sich ändern: eine neue Stadt, eine neue Arbeit für die Mutter, eine neue Schule und neue Freunde für das Mädchen. Vielleicht wird das ja gut?

Es ist sehr früh am Morgen und die Dohlen fliegen mit großem Geschrei auf und dann davon. Weiß der Baum, dass die Vögel weg sind? Das Mädchen jedenfalls weiß, wie das ist, jemanden zu vermissen und wie schwer Erinnerungen wiegen. Die Gedanken wandern zum Vater, das Mädchen stellt sich gerne vor, er könnte sie sehen. Sie denkt an die Schule: die anderen haben gefragt, wie das denn ist, wenn plötzlich der Vater tot ist. Traurig ist man, hat sie geantwortet. Davon erzählt uns das Buch in einem assoziativen, inneren Monolog.

Kristiina Louhis Kreide-Bilder sind so klar und schnörkellos wie die Sätze des Textes. Sie sind großflächig mit der Farbpalette von Wachskreiden gemalt: türkisgrün neben grasgrün, zitronengelb neben maisgelb, violett neben orange. Die Bilder nehmen den Focus der Gedanken des Mädchens auf und geben ihnen viel Raum. Trotz seiner Aufmachung als Bilderbuch richtet sich das Buch vor allem an Kinder im Grundschulalter.

Riita Jalonen
Kristiina Louhi (Illustration)
Das Mädchen unter dem Dohlenbaum
Übersetzung: Anu Pyykönen-Stohner
Hanser 2007, € 14,90
ab 5 Jahren

Die besten Beerdigungen der Welt

Ester, die älteste und mutig und entschlossen, der nicht ganz so beherzte Ich- Erzähler und Esters kleiner Bruder Putte spielen Beerdigungsunternehmen für tote Tiere. Ester ist für das Graben zuständig, der Ich-Erzähler für Gedichte am Grab und Putte soll weinen. Das Spiel, das mit einem langweiligen Nachmittag und einer toten Hummel begonnen hatte, entwickelt sich dank Ester rasant und der Friedhof auf der Waldlichtung wächst schnell. Der Ich-Erzähler mag die toten Tiere nicht berühren, aber seine Gedichte reißen selbst Ester, die am Anfang über die Notwendigkeit von solchen noch schnaubte, zu einem „saugut“ hin.

Putte weiß noch gar nichts vom Sterben und vom Tot sein, trotzdem kommt er seiner Aufgabe tapfer nach. Die beiden anderen versuchen nach Kräften, seine Fragen zu beantworten, aber Putte ist noch klein: „Wenn es Nuffe besser geht, graben wir ihn wieder aus.“

Plötzlich kippt die Geschichte aus dem Spiel in den Ernstfall, weil eine Amsel gegen eine Glasscheibe fliegt und vor den Augen der Kinder stirbt. Einen Augenblick steht alles still und vergessen ist alle Berührungsangst: Der Ich-Erzähler hebt die tote Amsel liebevoll auf und die Traurigkeit ist echt.

Der lakonische letzte Satz des Textes: „Am nächsten Tag spielten wir etwas ganz anderes.“ spiegelt noch einmal die das Buch kennzeichnende Erzähl-Haltung. Sie hält Distanz, und erzeugt Spannung aus der Gleichzeitigkeit eines auf die Spitze getriebenen Spiels und der Anwesenheit der echten, für die Kinder wichtigen Fragen an so etwas Fremdes wie das Sterben und das Tot sein. Es macht nicht traurig, sondern regt das Gespräch an, es braucht keinen Trauerfall, um vorgelesen oder gelesen zu werden. .

Eva Erikssons helle Bilder begleiten die Kinder durch diesen spannenden Tag. Immer sind alle Beteiligten zu sehen, ihre Körperhaltung und Mimik charakterisiert die Kinder und ihr Tun über den Text hinaus.

Ulf Nilsson
Eva Eriksson (Illustration)
Die besten Beerdigungen der Welt
Übersetzung: Ole Könnecke
Moritz 2006, € 12,80
Für Kindergarten und Grundschule

Ente, Tod und Tulpe

Wolf Erlbruch erzählt eine Geschichte vom Sterben, die für Kinder und Erwachsene je eigene Rezeptionsmöglichkeiten bereithält. Eine Ente bemerkt plötzlich den Tod (wer bist du? Und warum schleichst du mir nach?) Nach dem ersten Schrecken bezieht die Ente den Tod in ihren Tageslauf ein, zuerst fröhlich schnatternd, dann gehören auch Abschiedsgedanken und Gespräche über Himmel und Hölle dazu. Eines Abends friert die Ente, das ist ganz fremd, und sie bittet den Tod, sie zu wärmen: sie stirbt.

Im Vordergrund wird eine einfache, auf zwei Figuren reduzierte Geschichte erzählt. Für Kinder werden die Ente und der Tod Freunde, die sich über das Sterben unterhalten und sich umeinander kümmern. Werden Kinder die bildliche Darstellung des Todes merkwürdig finden? Vermutlich nicht, denn der Tod ist kein Sensenmann, keine gruselige Kapuzengestalt, sondern ein freundliches, bekitteltes Kerlchen mit Skelett-Schädel, nicht größer als die Ente. Kinder werden fragen, weil sie möglicherweise Sätze wörtlich nehmen: kann der Tod schleichen? Wieso hat die Ente ihn nicht gesehen, wenn er immer da war? Erwachsene verstehen die Bilder, die Erlbruch gefunden hat: der Tod ist nicht größer als die Ente, er passt zu ihr, er ist ihr Tod. Erwachsene (in Erlbruchs Alter), die sich immer öfter bei Beerdigungen treffen, wissen plötzlich, das der Tod ihnen näher rückt, und auch für die nicht fassbare Vorstellung, dass die Welt für uns nur da ist, weil wir da sind, gibt es ein Bild: als die Ente ihren Teich von oben sieht, wird ihr ganz komisch, so ist er also, der Teich ohne Ente, einsam. Wenn die Ente zum Schluss den Tod bittet, sie zu wärmen, ihren Tod annimmt, lässt uns das innehalten – und dann blättert man von vorn: Toll, wie Erlbruch mit minimalen Änderungen in der Haltung und Mimik der Ente ihre Stimmungen sichtbar macht, fröhlich, nachdenklich, schnattrig, verwirrt. Toll die Konzentration auf Ente und Tod, ausgeschnitten und in den fast leeren Raum geklebt, ohne dass Langeweile aufkommt. Gelungen, das Ineinandergreifen von Bildern und Text.

Wolf Erlbruch
Ente, Tod und Tulpe
Antje Kunstmann 2007, € 14,90
ab Grundschulalter

Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis

„Sie“ stapft durch den Park, schleift eine Omahandtasche hinter sich her, kickt wütend in die Gegend, was ihr auf dem Weg vor die Füße kommt und schreit in Abständen den anderen Parkbesuchern ein „Gehört das so??!“ um die Ohren. Seltsam. Die „Lange“ aus einer ebenso seltsamen Gruppe, die der Kleinen in respektvollem Abstand folgt (zu der Gruppe gehört auch der namenlose Ich-Erzähler), traut sich endlich zu fragen: „Was ist eigentlich mit dir los?“ „Elvis ist tot!“ Elvis, na klar. Es ist aber nicht der Elvis gemeint, sondern der tote Kanarienvogel, den das Mädchen in der Tasche mit sich herumträgt. Es folgt eine Erdbestattung mit allem Drum und Dran: Kerze, Blumen, Weihrauch und Leichenschmaus. Sie reden über Elvis, den Kanarienvogel, sie stellen sich eine Begegnung zwischen ihm und dem Elvis vor und müssen lachen. Getröstet geht das Mädchen nach Hause.

Vieles von dem, was von der Geschichte zu erzählen wäre, ist nur auf den Bildern zu sehen: die wirklich merkwürdige Picknick-Gesellschaft; wie das Mädchen ihnen die geöffnete Tasche entgegenhält und sie hineinschauen und schlagartig erkennen, was hier Sache ist und was getan werden muss; die Örtlichkeit; Elvis’ Eigenheiten. Der Text ist eher Stichwortgeber, Überleitung, alles andere entfaltet sich mit dem Betrachten der Bilder oder auch im Gespräch mit den VorleserInnen, die ja wohl über den Elvis Bescheid wissen.

Schössows Figuren und seine Technik (die Bilder entstehen am Computer) sind auch in diesem Buch unverwechselbar.

Peter Schössow
Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis
Hanser 2005, € 14,90
ab 4 Jahren und älter

Nie mehr Oma-Lina-Tag

Jasper und Oma Lina sind die Hauptpersonen in diesem Bilderbuch. Jeden Mittwoch wird Jasper von Oma Lina, die nicht seine „echte“ Oma ist, von der Schule abgeholt. Sie backen dann zusammen Pfannkuchen nach alten Rezepten und haben viel Spaß mit einander.

An einem Mittwoch ist plötzlich alles anders. Oma Lina ist schlimm krank geworden und muss ins Krankenhaus. Jasper hat Angst, dass sie sterben könnte. Und tatsächlich stirbt Oma Lina recht bald. Jasper besucht sie noch mal im Krankenhaus. Er ist traurig beim Anblick der toten Oma und hat viele Fragen, auf die seine Eltern immer antworten, obwohl sie auch nicht so genau wissen, was nach dem Tod passiert. Jasper bereitet gemeinsam mit seinen Eltern die Trauer-Feier vor. Seine Idee, selbst gebackene Pfannkuchen mit den Freunden und Nachbarn von Oma Lina zu essen, wird mit Begeisterung aufgegriffen.

„Nie mehr Oma-Lina-Tag“ ist ein sachliches Bilderbuch über den Tod und die Beerdigung eines alten Menschen. Die LeserInnen erfahren alle wichtigen Dinge, die zur Vorbereitung und Durchführung einer Trauerfeier nötig sind. Jasper steht mit seinen Fragen und seiner Traurigkeit im Mittelpunkt der Geschichte, die „bilderbuchmäßig“ in Harmonie verläuft: Eine sympathische alte Frau, einfühlsame, zugewandte Eltern, ein aufgeschlossenes Kind und gelungene Ideen für eine Beerdigung!

Die Autorin bietet mit diesem Bilderbuch Kindern viele Möglichkeiten sich dem Thema Tod zu nähern. Die ganzseitigen, farbenfrohen Illustrationen erzählen ebenfalls die Geschichte und ergänzen sie durch kleine Details. Sie zeigen die unterschiedlichen Stimmungslagen, in denen sich Jasper befindet.

Das Bilderbuch eignet sich zum Vorlesen für Kindergarten-Kinder und für die 1. und 2. Klasse in der Grundschule.

Hermien Stellmacher
Jan Lieffering (Illustration)
Nie mehr Oma-Lina-Tag
Thienemann 2005, € 12,90
ab 4 Jahren und älter

Opa, ich kann Hummeln zähmen

Joris Opa ist tot. Mama sagt. “Er ist eingeschlafen. Für immer.“ Jori sucht ihn überall, wo er schlafen könnte. Oma sagt: „ Opa ist im Himmel“. – „Opa ist beim lieben Gott“, sagt Tante Ann und Papa sagt: „ Opa ist in deinem Herzen.“ Jede dieser gut gemeinten Antworten nimmt Jori ernst und beschäftigt sich damit. Jori mag nicht mehr in den Garten gehen. Er bleibt im Haus, zieht sich mit dem Fotoalbum auf sein Bett zurück. Opas lachendes Gesicht bringt ihn zum Weinen, bis er schläft und träumt. Mit Opa ist er im Garten. Opa lacht und spricht mit ihm. Als Jori in der Nacht wach wird, sieht er die Sterne am Himmel. Er erinnert sich an Opas Geschichte: „Der Nachthimmel ist voller Löcher. Durch diese Löcher schaut ein verstorbener Mensch zu uns herunter. Und wenn er besonders glücklich ist, dann sieht man dieses Glück bis zur Erde leuchten.“  Am nächsten Morgen drängt es Jori in den Garten. Er bewegt sich und verhält sich so, wie Opa es getan hat. Er sieht Opas Sachen und spürt seine innige Verbundenheit und spricht leise mit ihm.

Die Geschichte ist in einfachen, kurzen Sätzen erzählt. Die Sprache „malt“ in gut verständlichen Bildern einfühlsam Joris wechselnde Bewegungen und Stimmungen. Die ganzseitigen Illustrationen sind in den Farben klar und freundlich. Die jeweiligen Personen sind in Mimik und Haltung  ausdrucksvoll, mit wenigen, wesentlichen Gegenständen eher sparsam dargestellt. Die Bilder und der Text ergänzen sich zu einer einfühlsamen Geschichte, in der Jori auf seine Weise Opas Tod in sich bewegt.

Monika Feth
Isabel Pin (Illustration)
Opa, ich kann Hummeln zähmen
Sauerländer 2007, € 13,90
ab 4 Jahren

Rote Wangen

Der Großvater des Jungen ist schon gestorben, aber die Geschichten, die er erzählt hat, sind noch sehr lebendig. In diesem Buch sind sie wie in einem Schulheft in Wort und Bild festgehalten. Sorgfältige Druckschrift auf liniertem Papier, leicht hingeworfene Skizzen am Heftrand und detailreiche Erzähl-Bilder führen uns die Episoden aus dem Leben des Großvaters vor Augen. „Manchmal kann ich das alles gar nicht glauben, was mein Großvater mir erzählt. Weil er schon so alt und müde aussieht. Aber, wenn er das sagt, dass es so war, dann war es auch so.“ Aljoscha Blau’s Bilder lassen daran keinen Zweifel, ob es nun um die mit Wasser gefüllte Kommodenschublade geht, oder um die punktgenaue Landung mit dem Fallschirm auf dem Schaukelstuhl im Garten. Auf dem letzten Bild lauscht der Junge den Geschichten mit denselben roten Wangen nach, die sein Großvater als Kind hatte, obwohl das Zimmer jetzt leergeräumt und der Schaukelstuhl verlassen ist.

Eine wohl innige Großvater-Enkel-Beziehung ist in diesem Buch über den Tod des Großvaters hinaus sehr gegenwärtig.

Heinz Janisch
Aljoscha Blau (Illustration)
Rote Wangen
Aufbau 2005, € 15,00
ab 4 Jahren und älter

Über den großen Fluss

Hase weiß, dass er sterben wird, er nimmt Abschied von Waschbär und sagt ihm: „ Ich muss auf eine Reise gehen und ich kann dich nicht mitnehmen.“

Waschbär begleitet ihn bis zum Fluss, dort verabschieden sie sich von einander. Waschbär hat den Auftrag, die anderen Tiere zu informieren. Sie nehmen gemeinsam Abschied von Hase, zunächst ganz still und dann mit einem Liedchen, von dem sie hoffen, dass Hase es hört. Das Bilderbuch beeindruckt durch seine farbintensiven Illustrationen, die die Atmosphäre von Abschied und Trauer gelungen vermitteln. Die Erinnerung an Hase und die gemeinsame Zeit wird durch weiße Kreidezeichnungen silhouettenhaft dargestellt. Der Grund des Sterbens und das Alter der Tiere bleibt interpretierbar. Wo Hase geblieben ist, erfahren die BetrachterInnen nicht. Er ging ins Wasser und war nicht mehr zu sehen. Er ging nicht unter! Das erläuternde Bild zeigt eine ruhige Flusslandschaft und am Horizont ein helles Licht.

Diese einfache Tiergeschichte liefert symbolische Erklärungen und Bilder für das Sterben und das „Danach“, die Platz zum Philosophieren lassen. Sie weist einen Weg zum Abschiednehmen, die gemeinsame Erinnerung an eine Person oder in diesem Fall Tier, tröstet über den Verlust hinweg.

Armin Beuscher
Cornelia Haas (Illustration)
Über den großen Fluss
Sauerländer 2002/2010, € 13,95
ab 5 Jahren

Und was kommt dann? Das Kinderbuch vom Tod

„Manchmal muss man an den Tod denken. Dann kommt einem der Tod wahrscheinlich sehr geheimnisvoll vor. Der Tod ist schwierig zu verstehen, nicht nur, wenn man klein ist. Auch wenn man groß ist. (...)Aber ein ganz klein bisschen weiß man trotzdem.“

Und dann wird das „bisschen“ ausgebreitet: dass alles Lebendige irgendwann stirbt, dass man meistens stirbt, wenn man alt ist, dass manche sterben wollen, dass manche schon tot geboren werden, dass es mehrere Antworten darauf geben kann, wohin man kommt, wenn man stirbt, dass ein Grab ein Treffpunkt ist, ein Testament ein Brief, in dem steht, wer Geld und Sachen kriegen soll, dass manche vor Trauer nach außen und andere nach innen weinen .. Dieses Kinderbuch erzählt mit Hilfe von vielen farbigen Strichzeichnungen vom Sterben und vom Tod: vergnüglich und ernst zugleich, ironisch und warmherzig, unverblümt, aber nicht drastisch. Ein Buch, das hilft und anregt, mit Kindern zu sprechen und Fragen zu beantworten.

Pernilla Stalfeld
Und was kommt dann? Das Kinderbuch vom Tod
Übersetzung: Birgitta Kicherer
Moritz Verlag 2000, € 11,80
für die Älteren im Kindergarten und für die Grundschule

Und was kommt nach tausend? Eine Bilderbuchgeschichte vom Tod

Otto ist Lisas Opa, in seinem wunderbaren Garten verbringen sie zusammen schönste Frühlings- und Sommertage. Auf den Bildern grünt und blüht es. Otto hat Zeit für Lisa und er teilt Lisas Begeisterung fürs Zählen, keine Gelegenheit dazu wird ausgelassen: eins (für die einzigartige Lisa), zwei (für die Notkekse in Ottos Hosentasche), dann kommt irgendwann 17 (für Kirschkerne im Kuchen) und nach tausend (für die Sterne) geht es immer noch weiter. Lisa staunt.

Es wird Herbst und Otto liegt müde im Bett und spricht wenig. Ja, er wird sterben, antwortet er auf Lisas direkte Frage.

„Als Otto gestorben ist, wird es ganz still.“ Auch das Bild dazu ist still, Lisa, auf Olgas Schoß, schaut Otto etwas furchtsam an, denn Otto ist weit entfernt, unerreichbar, bildlich ganz am äußeren Rand, der sich an dieser Stelle ins Helle auflöst. Das Bild ist sehr offen für Betrachtungen und Gedanken.

Die Beerdigung gefällt Lisa nicht und der Garten ist ohne Otto überhaupt nicht schön. Wie gut, dass wenigstens Olga da ist, mit der Lisa sprechen kann.

Das Buch führt uns eine Bilderbuch-Freund-schaft und auch ein Bilderbuch-Sterben vor Augen: ohne Schmerzen, ohne Ärzte; Zuhause, im Beisein der liebsten Menschen. Die kecke und ernsthafte Lisa ist eine gelungene Identifikationsfigur auch für Jungen und Annette Bley zeigt, dass man nicht unbedingt müde alte Dachse, Hasen und Elefanten braucht, um eine offene Geschichte vom Tod zu erzählen.

Annette Bley
Und was kommt nach tausend? Eine Bilderbuchgeschichte vom Tod
Ravensburger Buchverlag 2005, € 12,90
für den Kindergarten und die Grundschule

"Was ist das?", fragt der Frosch

Der Frosch findet eine bewegungslose Amsel. Er zeigt sie dem Schwein. Dieses nimmt an, dass sie schlafe. Die hinzukommende Ente findet, dass sie krank aussehe. Der Hase, von der Versammlung angelockt, stellt fest, dass sie tot sei. Keiner der anderen weiß, was das ist. Der Hase zeigt in den Himmel und erklärt, dass alle, auch sie selbst, sterben müssen, wenn sie alt sind. Der Hase weiß auch, was mit der Amsel getan werden muss. Sie wird von allen mit einer Zeremonie beerdigt. Nach der Beerdigung sind alle eine Weile nachdenklich, bis der Frosch die Stimmung sprengt, er will Fangen spielen und fängt auch gleich damit an. Sie spielen bis die Sonne untergeht.

Das Buch besticht durch seine einfache und direkte Ausdrucksweise. Ohne Schnörkel wird  schon für kleine Kinder vom Tod erzählt. Dabei steht das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund. Der Frosch sucht Rat, Hilfe und Trost bei seinen Freunden und findet Antworten auf seine Fragen bei einem kompetenten Freund. Mit einem aktiven Beerdigungsritual können die Tiere Abschied nehmen. Nach Trauer und Stille kehrt die Lebensfreude zurück.

Sämtliche Bilder sind in leuchtenden Farben gemalt, die Illustrationen und der Text konzentrieren sich auf das Wesentliche.

Max Velthuijs
"Was ist das?", fragt der Frosch
Übersetzung: Rolf Inhauser
Beltz und Gelberg (minimax) 2009, € 5,95
ab 3 Jahren
2. Kinderbuch

Die Hälfte des Himmels gehört Bo

Die Hälfte des Himmels gehört Bo Bo ist 6 Jahre alt und wird bald sterben. Martha ist 11 Jahre alt. Sie ist Bos Schwester und erzählt seine Geschichte.

Die Geschichte hat zwei Teile. Im ersten, deutlich mehr als die Hälfte, werden Episoden aus Bos Leben geschildert. Wie er war und was für verrückte Erlebnisse und Einfälle er hatte. Dieser Teil zeigt pure Lebensfreude und eine unbeschwerte Kindheit Bos auf und dient als Kontrast zum folgenden Teil, in dem Bos Sterben erzählt wird. Der wird mit Marthas Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Eltern ihr gegenüber eingeleitet. Bo darf alles, kriegt nie eine Strafe und ist immer der Mittelpunkt. Aus Marthas wütenden Reaktionen darauf, resultiert die Entscheidung der Eltern den Kindern zu erzählen, dass Bo unheilbar krank ist und sterben wird. Durch dieses Wissen ändert sich Marthas Sicht auf Bo und das Verhalten ihrer Eltern. Bo wird nun zum vollständigen Mittelpunkt, sowohl der Geschichte als auch von Martha, auch sie zeigt nun die elterliche Nachsicht auf alles Tun und Lassen von Bo. Bo geht es im Verlauf der Geschichte immer schlechter und er stirbt vor dem Erreichen seines siebten Geburtstages.

Die Geschichte hat einige Ungereimtheiten, z. B. weiß Bo, dass er sterben wird, erwähnt es aber niemals Martha gegenüber, obwohl sie sehr viel Zeit zusammen verbringen. Er zeigt auch keine besondere Reaktion auf seinen bevorstehenden Tod, keine Angst, kein Unverständnis oder Wut. Er nimmt seine Situation stoisch an, wohingegen er an anderer Stelle durchaus in der Lage ist sich für seine Belange einzusetzen und vehement zu reagieren. Es ist auch nicht wahrscheinlich, das Martha und ihre älteren Schwestern über die Zeit nichts von Bos Krankheit mitbekommen haben. Es muss eine Zeit vor dem Endstadium der Krankheit gegeben haben, in der das Familienleben durch z. B. Arztbesuche oder dem Auftreten von Symptomen bei Bo involviert worden ist. Diese Merkwürdigkeiten sind wahrscheinlich der Konstruktion der Geschichte geschuldet und machen den Bruch in der Geschichte, die Eröffnung der Eltern, dass Bo unheilbar krank ist, erst möglich. So wird sehr deutlich, was eigentlich durch den Tod einer geliebten Person verloren geht und macht die Trauer über Bos Tod miterlebbarer bzw. mitfühlbarer.

Dagmar H. Mueller
Die Hälfte des Himmels gehört Bo
Thienemann 2006, 224 Seiten, € 12,90
ab 10 Jahren

Ein Stern namens Mama

Louise freut sich auf ihren elften Geburtstag, der mit der ganzen Familie und Mamas Jugendfreund Janni, den Louise besonders gern mag, gefeiert werden soll. Der geplante Sommerurlaub findet leider nicht statt, weil Mama wegen eines Knotens in der Brust ins Krankenhaus muss. Louise bekommt mit, dass der Knoten in der Brust Krebs heißt. Bei aller Sorge um Mama kann Louise ihre vielen Fragen bei ihr und vor allem bei Janni los werden und bekommt ehrliche und einfühlsame Antworten. Papa dagegen entzieht sich ihr, weil er mit seiner eigenen Verzweiflung beschäftigt ist. Verzweiflung und Hoffnung wechseln sich ab. Mama, Papa und Louise bekommen Unterstützung, Ratschläge und Trost von verschiedenen Seiten. Louise hat mit Mama eine Verabredung getroffen, die ihr eine gewisse Sicherheit gibt. Für sie ist die Vorstellung, dass Menschen, wenn sie gestorben sind, zu Sternen werden sehr tröstlich, obwohl sie weiß, dass Sterne eigentlich kleine Planeten sind.

Realistisch und zugleich behutsam wird der Kampf gegen den Krebs und der Sterbeprozess der Mutter aus der Sicht des Kindes dargestellt. Die offene und die Kinder ernst nehmende Art der Auseinandersetzung ist überzeugend. Das Bild des Sterns kann trösten, weil es zeigt, dass die Verstorbene auch weiterhin einen Platz im Leben von Louise hat.

Karen-Susan Fessel
Ein Stern namens Mama
Oetinger 1999/2010, € 6,95
ab 10 Jahren

Hechtsommer

Anna erzählt von einem Kindersommer in der idyllischen ländlichen Umwelt der 50er Jahre. Sie und die Brüder Lukas und Daniel sind Freunde, die Familien leben auf dem Grundstück eines Schlosses. Gisela, die Mutter der Jungen, ist an Krebs erkrankt. Daniel will verzweifelt den großen Hecht im Schlossbach fangen, denn wenn er es schafft, so seine Überzeugung, wird seine Mutter vielleicht wieder gesund. Tatsächlich gelingt es Daniel mit Hilfe von Lukas und Anna, den Hecht zu angeln, doch die Mutter stirbt.

Jutta Richter erzählt vor allem von der Hilflosigkeit der Menschen dem Sterben gegenüber. Die Erwachsenen üben sich in Ignoranz und versuchen Normalität zu spielen, sie reden nicht oder nur sehr zögerlich über Giselas Krankheit und schon gar nicht über die Möglichkeit, dass sie stirbt. Die Kinder suchen sich ein Konstrukt (den Hecht zu fangen), um überhaupt etwas tun zu können. Wie schwierig es ist, mit dem Tod umzugehen, zeigt sich sehr plastisch in der Angst der Kinder, das Zimmer der Mutter zu betreten. Sie ist fremd geworden, medizinische Geräte sind bedrohlich und die Kinder haben kein Verhaltensrepertoire, um ihr zu begegnen.

Es gibt viele Fragen und wenig Antworten in diesem Buch, es zeigt einfach, was passiert, wenn ein solch gewaltiges Ereignis wie der Tod in eine Lebenswelt einbricht, die kaum Mittel hat, darauf angemessen zu reagieren. Der Tod bleibt fremd, ihm wird nichts von seiner irritierenden Kraft genommen. Es ist die Art, wie Jutta Richter diese Geschichte erzählt, die dafür sorgt, dass keine Endzeitstimmung aufkommt. Sie beschreibt im wesentlichen das Verhalten der Akteure und ihr Bemühen mit der Situation umzugehen, das reicht völlig aus, um ein glaubhaftes, mitfühlendes Bild des Umgangs mit dem Sterben zu zeichnen.

Jutta Richter
Hechtsommer
dtv 2006, 124 Seiten, € 6,50
ab 9 Jahren

Hilf mir, Mathilda!

Aus Mathildas Sicht wird von der plötzlichen schweren Erkrankung und dem Tod der Mutter ihrer Freundin Marie erzählt, sowie von der Zeit danach und den Veränderungen, die der Tod für die Familie mit sich bringt.

Die Frage nach dem Warum des Sterbens und was nach dem Tod kommt, stellt das Buch nicht. Es geht eher darum, wie man mit der Situation umgeht, wie man trösten kann, worüber man reden darf, ob bestimmte Themen zum Tabu werden und wie sich die Trauer auf den Alltag auswirkt. Hierbei erweist sich Mathilda als eine, die sich der Situation mutig stellt und sich für ihre Freundin einsetzt. Eine nicht rührselige Geschichte, die trotzdem deutlich zeigt, welche Gefühle mit dem Tod eines nahe stehenden Menschen verbunden sind, und die zeigt, dass das Leben irgendwann auch wieder Freude macht.

Annika Holm
Hilf mir, Mathilda!
Übersetzung: Angelika Kutsch
dtv 1999, € 6,50
ab 9 Jahren

Mama ist gegangen

Kapitel 1 (Seite 5 - 20): Eine intellektuelle Bilderbuchfamilie wird vorgestellt. Vater ist Bildhauer, Mutter ist Dokumentarfilmerin, der eine Bruder ist neunmalklug mit 24 Bänden Meyers Konversationlexikon in der 4ten Klasse intus, der andere Bruder produziert originelle Antworten auf Alltagsfragen am laufenden Band und die kleine Ulla, aus deren Sicht angeblich erzählt wird, hat keine besonderen Attribute, außer das sie alle anderen bewundert.

Kapitel 2 (Seite 21 - 25): Mama wird „von  einer Minute auf die andere“ krank und rasch schwach. Kapitel 2 (Seite 26 - 31): Am Anfang ist „Mama gegangen“ und am Ende begraben. In den restlichen Kapiteln wird im wesentlichen berichtet, dass der Vater nicht gut kochen kann (die nächsten 20 Seiten) und ansonsten an einer Pietà bildhauert und diese dann nach bischöflicher Begutachtung auf einem Domplatz aufgestellt wird (die restlichen 90 Seiten).

Damit deutlich wird, was gemeint ist, einige Zitate: Der Bischof, der sich die Pieta schon mal anschauen will, salbadert im Hause der Familie über Glück in Bezug auf die tote Mutter: „… ich beneide dich um deine Trauer. Dich und deine Kinder. Denn dass ihr unglücklich seid, bedeutet, ihr wart einmal sehr glücklich. …“ und die ca. 15 jährige Freundin des älteren Sohnes bildungsbürgert auf die Frage des Vaters: „Gefällt dir mein Stein?“, folgendermaßen drauflos: „Er ist wunderschön. Die Frau ist nur ein Stein und doch scheint sie zu leben. Sie ist traurig, die Maria, aber sie wirkt auch stolz und kräftig. Ihr Sohn wurde umgebracht, aber sie bringt die Kraft auf weiterzuleben. Sie trauert, aber sie ist nicht verzweifelt. Oder ist das ganz falsch, was ich sage?“ Man erahnt des Bildhauers Antwort.

Dieser Text ist eine Hommage an bildungsbürgerliches Kunstverständnis und beschreibt den Werdegang einer Statue, in die der Tod eines geliebten Menschen als Akzent mit einfließt. Vielleicht beschreibt er noch die Trauerbewältigung eines Bildhauers, dem die Frau gestorben ist, aber was haben die Kinder darin verloren oder warum soll dies ein Text sein, der sich mit Tod und Sterben, und dann noch explizit für Kinder beschäftigt. Sollte dies ein Text sein, in dem beschrieben wird, wie Kinder den Tod der Mutter erleben und verarbeiten, dann hat der Autor schlicht das Thema verfehlt.

Weil dieses Buch oft sehr positiv besprochen wird, soll an dieser Stelle eine andere Meinung zum Zuge kommen

Christoph Hein
Mama ist gegangen
Beltz 2004, 146 Seiten, € 5,90
ab 11 Jahren

Max, mein Bruder

Die zehnjährige Jo erzählt aus ihrer Perspektive das letzte halbe Jahr mit ihrem Zwillingsbruder Max, beschreibt die Monate, die zwischen einem unbeschwerten Frankreichurlaub und dem Krebstod von Max liegen. Die Besonderheit dieses Buches liegt darin, dass alle Kinder, auch die jüngeren Schwestern, relativ zeitgleich mit den Eltern von Max’ schwerer Krankheit und seinem drohenden Tod erfahren und in die Familienaktivitäten zur Krankenpflege immer eingebunden werden. Jo erzählt, wie sich die Familie auf die Krankheit und das Sterben von Max einstellt und was für Veränderungen sich im häuslichen Umfeld daraus ergeben. Wie die einzelnen Menschen das Sterben verarbeiten, wird eher nicht thematisiert. Über ihre Tätigkeiten und das Beschreiben von Situationen, die vor allem Jo mit Max erlebt, wird ihre aktive Teilnahme an der Sterbebegleitung deutlich. Vielleicht ist dieser deskriptive Stil dem Verstehenshorizont der LerserInnen angemessen, mehr als es die Betonung von inneren Reflexionen über das Sterben und den Tod wäre. Der Text wird auf diese Weise zugänglich und ist einfach zu lesen. Dass er manchmal etwas hölzern wirkt, werden Kinder wahrscheinlich nicht bemerken.

Sigrid Zeevaert
Max, mein Bruder
Arena 2004, 108 Seiten, € 5,00
ab 10 Jahren

Vom Weinen kriegt man Durst

Joris geliebter Onkel Hugo ist unheilbar krank. Er wird sterben. Joris will es nicht glauben, Onkel Hugo wollte ihm doch zeigen, wie er der beste Torwart seiner Klasse werden kann. Er sieht auch gar nicht krank aus. Die Autorin benennt die Krankheit nicht, die erwachsenen LeserInnen wissen jedoch sofort, dass Onkel Hugo Aids hat. Eine Krankheit, die zunächst ein ständiges Auf und Ab im Wohlbefinden für Onkel Hugo bedeutet und am Ende zum Tode führt. Joris lernt mit Unterstützung seiner Mutter die Situation zu akzeptieren und Wege zu finden, mit seiner Traurigkeit, seiner Wut und den vielen Fragen umzugehen.

Mutter und Sohn weinen gemeinsam. Sie besuchen Onkel Hugo zu Hause und im Krankenhaus. Joris geht selbstverständlich mit zur Beerdigung. Seine Mutter hat ihm erklärt, was mit Onkel Hugo auf dem Friedhof passiert und was man machen kann, wenn die Tränen kommen – Bonbons lutschen. Sie trösten sich mit der Vorstellung, dass Onkel Hugo irgendwo weit weg ohne Schmerzen existiert und in ihrer Erinnerung lebendig bleibt.

Eine liebevolle Geschichte über das Thema Krankheit und Tod. Gut gefallen hat mir die Mutter/Sohn Beziehung

Anke Kranendonk
Saskia Halvmouw (Illustration)
Vom Weinen kriegt man Durst
Übersetzung: Andrea Kluitmann
Omnibus cbj 2000, € 4,90
ab 8 Jahren
3. Jugendbuch

Bruder

Der vierzehnjährige Marius ist an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Er war der Bruder von Luuk.

Ein Jahr nach Marius’ Tod beschließt die Mutter, alle seine persönlichen Sachen im Garten zu verbrennen, um auf diese Art noch einmal Abschied zu nehmen. Luuk ist entsetzt über dieses Vorhaben und rettet das Tagebuch seines Bruders, indem er der Mutter die Möglichkeit nimmt, nur dessen Aufzeichnungen zu verbrennen - er schreibt eigene Gedanken zwischen die Zeilen von Marius. War er anfänglich entschlossen, die Geheimnisse des Bruders nicht zu lesen, wird er nun unweigerlich Zeuge von Marius Gedanken- und Gefühlswelt. Ein intensives „Schreibgespräch“ beginnt, in dessen Verlauf die LeserInnen Einblicke in das gemeinsame Leben der Brüder bekommen. Ein Geheimnis wird gelüftet: Beide Brüder sind homosexuell und haben es vor einander verborgen.

Die sachliche, etwas spröde Mutter hinterlässt beim Lesen ein hoffnungsvolles Gefühl. Leben hört auf, während es zugleich weitergeht. Es vergeht die Welt, wie sie in den Augen des Verstorbenen existierte, aber nicht die Welt der Lebenden.

Ein nachdenklich stimmendes, wunderbar geschriebenes Buch für Jugendliche.

Ted van Lieshout
Bruder
Übersetzung: Mirjam Pressler
Beltz 2004, 150 Seiten, € 5,90
ab 13 Jahren

Du fehlst mir, du fehlst mir!

Peter Pohl hat diesen Roman aufgrund von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und Erzählungen von Kinna Gieth geschrieben, sie hatte ihn darum gebeten. Kinna Gieth ist die Tina dieses Buches, Zwillingsschwester von Cilla, die kurz vor ihrem 14. Geburtstag bei einem Verkehrsunfall stirbt. Der Autor beschreibt und begleitet den Trauerweg der Menschen, die mit Cilla zu tun hatten, zu deren Leben sie gehörte. Im Mittelpunkt steht Tina, die aussieht wie Cilla, die manchmal fühlte wie Cilla, die trotzdem so anders war als Cilla und die jetzt einen Teil ihres Selbst verloren hat und nicht mehr weiß, wer sie ist. Die reiche und intensive Sprache des Romans fasst viele Facetten der tiefen Erschütterung, die Cillas Tod auslöst, in Wörter und Sätze, die im Gedächtnis bleiben. Ich kenne kein anderes Jugendbuch, das so differenziert und eindrucksvoll über das Trauern spricht.

Peter Pohl, Kinna Gieth
Du fehlst mir, du fehlst mir!
Übersetzung: Birgitta Kicherer
dtv (Reihe Hanser) 1999, € 8,50
ab 12 Jahren

Eine wie Alaska

„Eine wie Alaska“ ist John Greens Erstlingswerk. Eine Internatsgeschichte und zugleich eine Liebesgeschichte und eine Geschichte über den Tod, die Verzweiflung und die Trauer.

Der 16 jährige Miles beschließt den Rest seiner Schulzeit in einem Internat in Alabama zu verbringen. Gelangweilt von der miefigen Atmosphäre der Highschool und der Enge seines Elternhauses ist er entschlossen, sich auf die Suche nach „ dem großen Vielleicht“ zu begeben. Miles Leidenschaft gilt „letzten Worten“ berühmter Persönlichkeiten. In Culver Creek wird er schnell mit Hilfe seines Zimmernachbarn Chip, genannt Colonel, in eine „In-Group“ aufgenommen, hier werden philosophische Gespräche über das Leben geführt. Im Zentrum dieser Gruppe steht Alaska. Sie ist rätselhaft, provokant und verletzlich zugleich, hat ein Zimmer voller Bücher und letzte Worte auf Lager: „Wie komme ich bloß aus diesem Labyrinth heraus“, heißt ihr Leitsatz. Miles verliebt sich.

Die LeserInnen ahnen schon zu Beginn des 1.Teils, welcher mit „einhundertsechsunddreißig Tage vorher“ überschrieben ist, dass sich alles auf ein einschneidendes Ereignis zuspitzen wird. In der Mitte des Romans steigt Alaska nachts verzweifelt und betrunken in ihr Auto und verunglückt tödlich. Miles, Colonel und Takumi versuchen aus ihrer je eigenen Betroffenheit heraus zu ergründen, ob Alaska wirklich verunglückt ist oder Selbstmord begangen hat. Es gelingt ihnen aber nur bedingt die Hintergründe aufzudecken.

Der Roman endet einhundertsechsunddreißig Tage danach mit einem Aufsatz von Miles über die Frage: Wie wollen Sie persönlich aus dem Labyrinth des Leidens finden?

Eine wie Alaska bleibt noch lange in der Erinnerung der LeserInnen. Der erste Teil des Romans ist eine typische Internatsgeschichte mit Streichen, Liebe und nervigen Lehrern. Die Jugendlichen sind cool, aber ihre Schwächen, Ängste  und Widersprüche werden auch sichtbar. Der zweite Teil setzt sich intensiv mit Schuld und Verantwortung auseinander und stellt die Trauer und Verzweiflung von Alaskas Freunden in den Mittelpunkt.

Rundum ein tolles, lesenswertes Buch!

John Green
Eine wie Alaska
Übersetzung: Sophie Zeitz
dtv (Reihe Hanser) 2007/2009, 294 Seiten, € 8,95
ab 14 Jahren
4. Fachbuch

Kinder bei Tod und Trauer begleiten

Konkrete Hilfestellungen in Trauersituationen für Kindergarten, Grundschule und zu Hause

Petra Hinderer, Martina Kroth
Kinder bei Tod und Trauer begleiten
Ökotopia 2005, € 17,90

Zwischen Himmel und Erde

Philosophieren und Nachdenken mit Kindern über Leben und Tod

Antje Bostelmann, Thomas Metze (Hrsg.)
Zwischen Himmel und Erde
Beltz 2005, € 19,90
5. Weitere Titel

Abschied von Rune

Marit Kaldhol
Wenche Oyen (Illustration)
Abschied von Rune
Übersetzung: Angelika Kutsch
Ellermann 1987/2009, € 12,00
ab 5 Jahren

Adieu, Herr Muffin

Ulf Nilsson
Anna-Clara Tidholm (Illustration)
Adieu, Herr Muffin
Übersetzung: Ole Könnecke
Beltz und Gelberg (minimax) 2007, € 5,95
ab 4 Jahren

Hat Opa einen Anzug an?

Amelie Fried
Jacky Gleich (Illustration)
Hat Opa einen Anzug an?
Hanser 1997, € 13,90
ab 5 Jahren

Kannst du pfeifen, Johanna

Ulf Stark
Anna Höglund (Illustration)
Kannst du pfeifen, Johanna
Übersetzung: Birgitta Kicherer
Carlsen 2010, € 9,95
ab 5 Jahren

Leb wohl, lieber Dachs

Susan Varley
Leb wohl, lieber Dachs
Übersetzung: Ingrid Weixelbaumer
Annette Betz Verlag 1984/2009, € 12,95
ab 4 Jahren