Diskussion

Die Jury zum Deutschen Jugendliteraturpreis (DJLP) hat in Leipzig ihre diesjährigen Nominierungen bekannt gegeben, jeweils 6 Titel in den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch, Sachbuch. Ebenso haben die sechs Leseclubs, die die unabhängige Jugendjury bilden, ihre Titel benannt.

In diesem Frühjahr konnte niemand aus dem „Kronenklauer“ die Veranstaltung live erleben, was schade war, weil die Jugendjury ihre Titel immer mit viel Verve vorstellt. Deshalb ist die Kommentierung auf die veröffentlichen Listen angewiesen – und nur darauf, denn bisher gibt es keine Jury-Begründungen für die Auswahl zu lesen. (Nachtrag: Inzwischen sind die Begründungen erschienen.)

Zwar ist der größte Teil der nominierten Titel schon in Fachzeitschriften und Zeitungsbeilagen, auch im Internet mit der Essenz außerordentlich, bemerkenswert, preisverdächtig rezensiert worden, doch wäre es schon spannend, zu wissen, was/ob die Jury dem (etwas) hinzuzufügen hat. Die Nominierungsliste pur liest sich wie immer: Erfreulich, dass Titel X oder Y sich darauf befindet, auch Erstaunen über die Sparten-Zugehörigkeit von Titel Z, auch Kopfschütteln und Schulterzucken – same procedure as every year. Und doch fällt etwas auf:

1. Die Jugendlichen nominieren für ihren Preis ein weiteres Mal ganz und gar andere Titel als die Erwachsenen in der Sparte Jugendbuch, es gibt keine einzige Überschneidung. Das ist einmal erklärlich, weil ja jeder Leseclub nur einen Titel beiträgt und doch ist es erstaunlich, weil die Kriterien-Formulierungen der Jugendlichen sich nicht grundsätzlich absetzen, und weil davon auszugehen ist, dass die Leseclubs aus erfahrenen Leserinnen und Lesern bestehen, die auch das mögliche Publikum für literarisch ambitionierte und außerhalb des Mainstreams liegende Jugendbücher sind. Offensichtlich nehmen die Jugendjurys die von den Erwachsenen ausgewählten (und damit für besonders lesenswert gehaltenen) Titel nicht wahr oder legen sie nach der Lektüre beiseite?

Dann brauchen diese Titel Vermittlung? Ja, der Arbeitskreis Jugendliteratur (AKJ) bietet bis zur Preisverleihung im Herbst sogenannte Praxis-Seminare an – für BuchhändlerInnen und andere MultiplikatorInnen. Aber was ist mit den Jugendlichen selbst? Eine eigene Internet-Seite der Jurys von der Nominierung bis zur Preisverleihung, ein Blog, Möglichkeiten für Leser und Leserinnen, nach Kriterien und Begründungen der einen wie der anderen Jury zu fragen und zu diskutieren: diese Formen der Kommunikation sind meines Erachtens überfällig und würden für Lebendigkeit und Bewegung in der Diskussion um die Nominierungsliste sorgen.

2. Die Altergruppe der 11/12-Jährigen kommt in der Nominierungsliste zum DJLP nicht (mehr) vor. (Und das kann für das Erscheinungsjahr 2010 nicht an einem Mangel an Titeln liegen.) Die Kinderbuch-Nominierungen weisen bezüglich der Altersempfehlung einen Schnitt von 9 Jahren auf, die Jugendbücher der Erwachsenen und ebenso die der Jugendjury beginnen im Schnitt mit 14 Jahren. Mit dieser Lücke scheint – und nicht zum ersten Mal – die Grenze des Spartenkonzeptes der Preisvergabe auf: sollen neben den „klassischen“ Bilderbüchern/Kinderbüchern/Jugendbüchern/Sachbüchern auch Papp-Bilderbücher, Comics/Graphic Novels, Crossover und All Age-Titel eine Chance haben, und das sollen sie, wie schon seit zwei/drei Jahren sichtbar, reicht der zur Verfügung stehende Platz an der Preis-Sonne einfach nicht aus. Irgendwie muss sich jede Jury neu entscheiden, welche Bereiche sie nicht berücksichtigt, im aktuellen Fall schade für die „jungen Jugendlichen“. Es ist zu befürchten, dass eine DJLP-Jury sich auf Dauer mit einer unübersehbaren Menge von zu begutachtenden Büchern konfrontiert sieht – oder es gibt neue Ideen für neue Preisvergabe-Konzepte...